Ruinen aus Salz - Reise nach Carhué und Epecuén

Carhué und Epecuén. Zwei unscheinbare Punkte auf der Landkarte an der Grenze zur Provinz La Pampa. Zwei Orte, die viel zu erzählen haben. Sie erzählen eine traurige Geschichte.

 

Es ist ein surrealer Anblick. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war Epecuén versunken im Salzwasser. Seit ein paar Jahren gibt die Natur diesen Ort Stück für Stück frei. Heute kommen Touristen, angelockt vom morbiden Charme, den die Ruinen versprühen.

Im Wasser der Lagune döst der Himmel vor sich hin. Orientierungslos treiben kleine Äste in Richtung Horizont. Grenzen lösen sich auf; wo ist oben, wo unten? Ein paar Flamingos waten elegant durch die Wolken. Im Wasser spiegelt sich die Zeit.

 

Zwischen abgestorbenen Bäumen schlängelt sich der Weg zum Hotel Gran Parque hindurch. Die Erde und die Pflanzen sind staubtrocken, leblos. Nicht der Hauch eines Windes.

 

 

Immer wieder versperren umgefallene Bäume, Betonbrocken und eingestürzte Hauswände den Weg. Ich steige über eine Toilettenschüssel, die aus dem salzigen Boden hervorragt, vorbei an Fanta Flaschen aus längst vergangenen Zeiten. In der einst prachtvollen Hauptstraße Avenida de Mayo reihen sich Reste von Häuserfassaden aneinander. Überall Trümmer. Ein Trümmermeer. Hier ein Fensterrahmen, dort eine Tür, das Eingangsschild eines ehemaligen Luxushotels – Statuen aus Salz.

Mit dem Ausbau des argentinischen Bahnnetzes in den 1890er Jahren erhielt Carhué seinen ersten Bahnanschluss an Buenos Aires und war von überall her gut zu erreichen. Touristen strömten in den Ort, um ein Bad in der mineralreichen, ein paar Kilometer entfernten Lagune zu nehmen. Die Salzkonzentration war fast so hoch wie im Toten Meer und versprach eine heilende Wirkung für Menschen mit Rheuma.

 

 

Da Carhué nicht direkt an der Lagune liegt, wurde an deren Ufer ein Ort für den Tourismus errichtet: Epecuén. Zahlreiche Luxushotels und Thermalbäder wurden gebaut, das Ufer war gesäumt von Sonnenschirmen, Stegen und Umkleidekabinen. Epecuén wurde zu einem beliebten Kur- und Badeort, der Tourismus boomte. 

Während einer extremen Trockenperiode in den 1930er und 40er Jahren ging der Wasserstand der Lagune stetig zurück – eine Gefahr für den Tourismus. Dies war einer der Gründe für den Bau des Ameghino Kanals, der Wasser aus weiter entfernten Flüssen sammelte und dieses in sechs größere Lagunen leitete, die alle miteinander verbunden sind. Die letzte Lagune in dieser Kette ist die von Carhué und Epecuén.

 

Auf die lange Trockenzeit folgte in den 80er Jahren lang anhaltender, heftiger Regen. Das Wasser der durch den Kanal verbundenen Lagunen trat über die Ufer und überschwemmte weite Landstriche. Der Damm, der Epecuén bisher geschützt hatte, hielt dem Druck der steigenden Wassermassen nicht mehr stand.

 

Im November 1985 wurden Epecuén sowie der Friedhof des benachbarten Carhué überflutet. Der Kurort versank im Wasser und seine Bewohner wurden nach Carhué evakuiert.

 

 

Epecuén war Jahrzehnte lang verschwunden, vom Wasser verschluckt. Erst seit 2009 sinkt der Wasserspiegel und gibt nach und nach den Blick auf den komplett zerstörten Ort frei.

Ruinen, vom Salz zerfressen, ragen in den blauen Himmel. 

Ich besuche Carhué und Epecuén an einem langen Wochenende im Oktober. Die Sonne scheint, doch es ist immer noch winterlich frisch. Auf der Straße werde ich ständig angesprochen und gefragt, ob ich gekommen bin, um mir ein Bild von „der Katastrophe“ zu machen. Die Bewohner sind herzlich und suchen das Gespräch. Alle haben Zeit und wollen mir ihre persönliche Geschichte erzählen.

 

Eine Geschichte, die die Orte zu atmen scheinen. Die Vergangenheit legt sich wie eine zweite Haut um Carhué und Epecuén.

 

Ich gehe in eine Touristeninformation. Hier dreht sich alles um Wasser, Salz und Epecuén. Ein paar Blocks vom Zentrum entfernt bin ich umgeben von abgestorbenen Bäumen. Das Salz des schlammigen Bodens frisst sich in meine Schuhe. Nach diesem Wochenende muss ich mir wohl ein neues Paar zulegen.

 

 

Mitten in dieser toten Landschaft liegt der ehemalige Friedhof von Carhué. Im rosigen Licht des Sonnenuntergangs mache ich mir ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung. Kreuze ragen in den Himmel, ein kopfloser Engel aus Stein, unbekannte Namen starren mich von Grabschildern an, die wie ein weggeworfenes Stück Papier den Weg säumen. 

Am nächsten Tag treffe ich mich mit einer ehemaligen Touristenführerin aus Epecuén. Sie spricht wie die meisten hier nur von „der Katastrophe“. Sie erinnert sich: „Ich bin damals wie so viele Menschen aus den beiden Dörfern mit meinen Eltern in einem Boot zum Friedhof von Carhué gefahren. Wir suchten nach den Särgen meiner Großeltern, wollten sie in Sicherheit bringen auf den neuen Friedhof weit weg von der Lagune. Es war das reinste Chaos, überall schwammen Särge im Wasser, teils verschlossen, teils geöffnet. Wir fanden meine Großeltern nicht.“ 

Der Weg nach Epecuén führt am Wasser entlang. Unter meinen Schritten knirscht das Salz, über mir streiten sich zwei Vögel um Nahrung.

In einem Strandbad, das heute wieder genutzt wird, werden eine Bühne und Essensstände aufgebaut. „Heute Abend feiern wir den Frühling mit Livemusik aus der Region“, erklärt mir ein Mann, der gerade Pause macht und mich einlädt, mit ihm Mate Tee zu trinken.

Neben dem Strandbad die verrosteten Überreste einer Schaukel, einer Rutsche – der Kinderspielplatz. Ein paar Meter weiter sehe ich schon das Eingangsschild von Epecuén. In diesem Geisterdorf atmet nichts. Fast nichts.

Im Fensterrahmen eines ehemaligen Hotels sitzt ein Mann und liest Zeitung. Zu seinen Füßen träumt ein Hund, daneben steht ein verrostetes Fahrrad.

Es ist Pablo Novak, „einziger Bewohner Epecuéns“, wie er mir stolz berichtet. Seine Familie floh vor den Wassermassen nach Carhué. Nur er weigerte sich, seinen Geburtsort zu verlassen.

Er zog in ein leer stehendes Haus auf einer Anhöhe unweit von Epecuén, das nicht vom Wasser erfasst wurde. Das Haus hat keine Türen und keine Fenster, aber ein Bett, ein Bad und einen Herd. Mehr braucht man nicht. Pablo hielt sämtlichen Versuchen seiner Familie, ihn nach Carhué zu holen, stand.

 

„Solange ich mich noch selbst versorgen und jeden Tag mit meinem Fahrrad in Epecuén nach dem Rechten sehen kann, werde ich diesen Ort nicht verlassen. Epecuén ist meine Heimat, “ erklärt er mir stolz. Sein Blick schweift über die Ruinen hinweg und verliert sich in einem nicht greifbaren Punkt in der Ferne.

Ich verabschiede mich von Pablo. Mit einem Augenzwinkern bedankt er sich dafür, dass ich extra aus Deutschland angereist bin, um ihn zu treffen.

In Epecuén und Carhué ist die Vergangenheit präsent, sie bestimmt den Rhythmus, lebt in und mit den Bewohnern.

Trotz (oder gerade wegen) ihrer Geschichte sind die beiden Orte lebendig. Die Bewohner freuen sich, wenn sich jemand für ihre Geschichten interessiert. Sie erzählen gern von der Katastrophe, von ihrer Wut auf die Regierung, die damals nichts unternommen hatte, von der Evakuierung, vom Rückgang des Wassers nach 24 Jahren. Sie sind froh, dass heute wieder Touristen kommen, die die Wirtschaft ankurbeln. Und sie hoffen, dass in Zukunft mehr Reisende auf die beiden Orte aufmerksam werden.

 

 

Zum Abschied nehme ich ein Bad in der Lagune, blicke in den blau-weißen Himmel. Meine Haut spannt vom Salz.

Carhué und Epecuén sind nicht mehr nur zwei gesichtslose Punkte auf meiner Argentinienkarte. 

Neugierig geworden?

Carhué liegt 520 Kilometer von Buenos Aires entfernt in der Provinz Buenos Aires.

Vom Bahnhof Retiro in Buenos Aires fahren täglich Busse nach Carhué. Bei den meisten Verbindungen musst Du in Guamini oder Pigue umsteigen. Preis pro Fahrt beträgt in etwa 850 Pesos (Januar 2017).

In Carhué gibt es Unterkünfte in allen Preisklassen, vom Spa-Hotel zum einfachen Schlafsaal. Am Hauptplatz des kleinen Ortes befindet sich die Touristeninfo.

Man kann sich dort Fahrräder mieten, um ins 8 km entfernte Epecuén zu kommen. Der Weg führt an der Lagune entlang. Der Eintritt nach Epecuén ist kostenpflichtig, umgerechnet zahlten wir 2-3 Euro.

 

Die Orte können das ganze Jahr über besucht werden. Die Durchschnittstemperatur im Winter beträgt 10 Grad – fühlt sich aber aufgrund der feuchten Luft und zum Teil starken Winde kälter an, also warm einpacken. Im Sommer kann der Besuch der Ruinen bei rund 25 Grad mit einem Bad in der salzhaltigen Lagune verbunden werden. Die meisten argentinischen Touristen kommen im Januar, dann solltest Du unbedingt rechtzeitig die Unterkunft buchen.

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Kommentare: 6
  • #1

    Nele (Mittwoch, 11 Januar 2017 12:28)

    Beeindruckende Bilder. Der Gegensatz zwischen der Ruhe, die das stehende Gewässer ausstrahlt, und der Zerstörung, die es zurücklässt, wirkt so gegenübergestellt besonders mächtig.
    Danke fürs Teilen der Bilder und der Geschichten!

  • #2

    Linda (Dienstag, 17 Januar 2017 02:33)

    Irgendwie ganz schön traurig.. oder melancholisch.. lässt wieder richtig schön das Bild über bzw das Gefühl für Argentinien wachsen

  • #3

    Kathrin (Donnerstag, 23 Februar 2017 20:57)

    Wow, total schön geschrieben und sehr eindrucksvolle Bilder! Hatte bislang noch gar nichts von Epecuén gehört. Sehr traurige Geschichte!

  • #4

    Argentinien24/7 (Sonntag, 26 Februar 2017 04:28)

    Ja, das stimmt, es ist eine traurige Geschichte. Und die Orte definitiv eine Reise wert. Vielen lieben Dank für die Komplimente, freut mich sehr, dass euch Bilder und Text so gut gefallen! :)

  • #5

    glitzerdings.net (Donnerstag, 08 März 2018 12:02)

    Großartiger Beitrag! Man schlendert geradezu mit Dir durch diesen Ort. Ich finde das immer irgendwie gruselig, wenn Orte geflutet werden und dann irgendwann wieder auftauchen. Wie haben sowas ganz in der Nähe: Das Edersee-Atlantis lockt jedes Jahr, wenn der Pegel des Stausees auf dem Tiefpunkt ist, zahlreiche Touristen an. Denn dann tauchen die versunkenen Orte wieder auf. Auf meinem Blog gibt es auch einen Beitrag dazu.

    Herzliche Grüße
    von

    Kerstin

  • #6

    Argentinien24/7 (Donnerstag, 08 März 2018 12:50)

    Liebe Kerstin,
    es freut mich, dass Dir der Beitrag gefällt! Ja, es hat wirklich etwas gruseliges und die Stimmung an solchen Orten ist einzigartig. Werde mir jetzt mal deinen Beitrag ansehen, das klingt auf jeden Fall super spannend!
    Liebe Grüße aus Buenos Aires
    Simone

 

 

 

Vierundzwanzig Stunden in Argentinien, sieben Tage die Woche - ein Blog über das Reisen und den Alltag in einem viel zu großen Land. Inspiration und Tipps, Traumtänzerei, Wut, Glücklichsein, Suchen, gefunden werden. Geschichten, die das Leben möglich macht. Viel Spaß beim Schmökern und gute Reise!

 

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