Patagonien abseits der Touristenmassen – Wandern in El Bolsón

Patagonien – ein Name, der Sehnsucht und Fernweh weckt. Man denkt an Wildnis, an weites, einsames Land bis zum Horizont, Gletscher, majestätische Berge, vom Wind geprägte Bäume. Die Vorzeigebilder des argentinischen Patagoniens sind der imposante Perito Moreno Gletscher und die scharfen Spitzen des Fitz Roy und Cerro Torre.

 

Dann ist da noch ein anderes Patagonien, um einiges unbekannter, bisher verschont vom Massentourismus. Die Reiseführer nennen diesen Teil in der Provinz Río Negro die argentinische Schweiz – ich nenne es das liebliche Patagonien.

Rund 130 Kilometer südlich vom touristischen Bariloche in der Provinz Río Negro liegt der kleine Ort El Bolsón. Umgeben von Bergen und türkis glitzernden Seen und Flüssen erinnert mich die Landschaft tatsächlich an die Schweiz.

 

Der Ort selbst ist in den letzten Jahren zu einer Hochburg für Rucksacktouristen aus aller Welt geworden. Restaurants, Hostels und Campingplätze schießen wie Pilze aus dem Boden. Eine Tagestour in die umliegenden Berge, dann geht die Reise weiter. Die wenigsten nehmen sich die Zeit, die Gegend ausführlich zu erkunden. Doch wer Zeit hat und Einsamkeit sucht, kann hier wochenlang von Schutzhütte zu Schutzhütte wandern. Die Wege sind meist gut ausgeschrieben, viele Hütten bewirtet und nicht teuer.

Hier verläuft auch die Huella Andina, ein 577 Kilometer langer Fernwanderweg durch drei argentinische Provinzen (Neuquén, Río Negro und Chubut).

Im Zentrum von El Bolsón steigen wir in einen Bus. „Zum Ausgangspunkt für die Schutzhütte Río Azul“, sage ich dem Fahrer. Eine Haltestelle gibt es nicht. Mit quietschenden Reifen hält der Bus mitten auf der staubigen Straße. „Río Azul“, ruft der Busfahrer. Mit uns steigen zwei Argentinier aus. Sie tragen löchrige Chucks und einen kleinen Stoffrucksack. Zunächst geht es am Río Azul entlang, der seinem Namen alle Ehre macht: Das Wasser schimmert in den schönsten Blautönen. Die Argentinier scheinen auf der Flucht zu sein. Im Stechschritt folgen sie dem Wanderweg in den Wald, sodass sie bald außer Sichtweite sind.

Die Sonne sticht vom Himmel, Moskitos erfreuen sich an meinem Schweiß, es blüht in allen Farben. Die hölzerne Hängebrücke, auf der wir den Fluss überqueren, sieht nicht gerade vertrauenserweckend aus. Ein Schild warnt davor, dass ihn immer nur eine Person überqueren darf. Das Rauschen des Flusses mischt sich mit dem Knarren der Bretter. Die Brücke schaukelt im Wind. Ich bin erleichtert, als ich auf der anderen Seite ankomme.

 

 

Nun beginnt der steile Aufstieg. 1300 Höhenmeter gilt es heute zu überwinden. Der Weg führt die meiste Zeit durch einen stillen Märchenwald mit den für diese Gegend typischen Coihue Bäumen. Mittlerweile fressen mich die Moskitos auf. Ich habe es aufgegeben, nach ihnen zu schlagen. Der steile Weg erfordert meine gesamte Energie. Nach scheinbar endlosen Stunden Bergaufgehens kommen wir auf eine Lichtung und genießen ein wunderbares Bergpanorama.

 

 

Die Sonne steht bereits tief und hüllt die Welt in warme Farben. Der einsame Grat des Piltriquitrón (wer hat sich nur diesen unaussprechbaren Namen ausgedacht?) glänzt golden im Abendlicht. Leider haben wir keine Zeit diesen Anblick zu genießen. Wir haben für den Aufstieg länger gebraucht als geplant. Es ist schon spät und wir müssen noch ein gutes Stück gehen.

Die Bäume werfen dunkle, bedrohliche Schatten auf den Mallín, wie das patagonische Sumpfgebiet genannt wird. Schnellen Schrittes geht es weiter. Meine Schultern schmerzen vom Gewicht des Rucksacks, am großen Zeh macht eine Blase auf sich aufmerksam. Es ist schon lange dunkel, als wir am Refugio Azul am Fuße des Cerro Hielo Azul ankommen. Die schlechte Nachricht: Das Matratzenlager ist komplett überfüllt. Die gute: Wir dürfen unsere Schlafsäcke auf dem Küchenboden ausbreiten.

 

 

Am Morgen stärken wir uns in den zarten Sonnenstrahlen mit argentinischem Matetee für die nächste Etappe zum Gletscher Hielo Azul. Der weiche Waldweg führt lange am Fluss entlang. Das letzte Stück geht es über einen steinigen Grat steil bergauf.

Wir treffen den ganzen Tag über keine anderen Wanderer. Für heute gehört die Welt uns. Oben angekommen lassen wir uns im Schatten eines Felsen nieder.

Wir kühlen die müden Füße in der eiskalten Lagune und bestaunen anmutig den Gletscher. Hier verweilen wir, bis die Sonne schräg steht und uns schleunigst zum Abstieg mahnt.

Dieser Gletscher ist, wie so viele, in den letzten Jahren rapide zurückgegangen. Wer ihn noch zu Gesicht bekommen möchte, sollte sich beeilen.

Am nächsten Tag geht es meist eben durch den Wald zum Refugio La Natación. Es ist die kürzeste Etappe. Auf den saftigen Wiesen weiden Kühe und ich muss an das Allgäu denken.

 

Die Schutzhütte liegt idyllisch an einer Lagune, die zum Baden einlädt, umgeben von stolzen Bergen.

 

 

Hier bin ich die einzige Nicht-Argentinierin. Die zwei Argentinier, die die Hütte bewirten, kochen uns einen köstlichen Eintopf und servieren uns stolz ihr selbstgebrautes Bier. Ihr Blick ist erwartungsvoll auf die Deutsche, in ihren Augen die Bierexpertin, gerichtet. Lächelnd nicke ich ihnen zu und lobe das Bier.

Das Eis ist gebrochen. In der Nacht erzählen wir uns unter einem unglaublichen Sternenhimmel Geschichten aus dem Leben. Der Mann neben mir packt seine Gitarre aus, eine Frau erwärmt mit traditionellen argentinischen Liedern die kalte Nacht.

Wunderbare Hüttenromantik - ein Prosit auf das Leben und die Berge!

Die Nacht ist kurz und laut. Während ich mich von einer Seite auf die andere wälze und vom Träumen träume, schnarchen die anderen energisch vor sich hin. Unbedingt auf die Packliste fürs nächste Mal: Ohrstöpsel!

 

 

Nach dem Frühstück queren wir ein weitläufiges Mallín-Gebiet. Da es keinen Weg gibt, suchen wir uns einen. Unser Vorhaben, trockenen Fußes auf der anderen Seite anzukommen, scheitert. Immer wieder gibt das Gras nach und wir stehen im feuchten Nass. Dennoch, ich liebe es, über Mallín zu gehen. Es fühlt sich an, als tanze man auf Schwämmen.

Wir entdecken eine Eishöhle mit verwinkelten Gängen. Wie kostbare Schmuckstücke funkeln die Eiskristalle im Sonnenschein um die Wette und bilden einen schönen Kontrast zum Grün des Mallín und dem Gebirgsmassiv.

Schon morgens ist es heiß. Den härtesten Teil des Aufstiegs müssen wir in der gleisenden Mittagssonne bewältigen. Nirgendwo gibt es Schatten. Die Hütte und die Lagune werden immer kleiner, bald gleichen sie einer Miniaturwelt.

Der letzte Teil führt uns über ein wegloses Geröllfeld, das immer steiler ansteigt. Es gibt schon lange keine Wegbeschilderung mehr, nur ab und an entdecken wir Steinmännchen, die uns zeigen, dass wir richtig sind. Wir tragen ein paar weitere Steine zusammen, sodass den Wanderern nach uns die Orientierung leichter fällt.

Oben angekommen werden wir für alle Strapazen entschädigt. Der Blick ist atemberaubend: Die gesamte schneebedeckte Andenkette liegt vor uns. Unsichtbar schlängelt sich die Grenze zwischen Argentinien und Chile durch die Täler, löst sich auf, wird unwichtig. Der Cerro Tronador mit seinen drei Gipfeln sticht besonders hervor: Ein Gipfel ist argentinisches Terrain, einer chilenisches, der dritte ist international.

An unserem letzten Abend im Refugio La Natación gönnen wir uns noch ein Bad in der Lagune. Wir lassen uns vom Wasser tragen und blicken zufrieden in den patagonischen Himmel. Nach einem reichhaltigen Essen genießen wir die letzte Bergnacht unter einem Ozean aus Sternen.

Der Abschied von dieser schönen Schutzhütte fällt mir nicht leicht. Aber vor uns liegt ein langer Abstieg durch steiniges, steiles Gelände. Mit dem Gepäck auf dem Rücken ist dieses ständige Bergab mühevoll. Meine Knie beschweren sich lautstark. Dennoch kommen wir zügig voran. Entfernen uns vom tiefblauen Himmel. Die Häuser im Tal werden immer größer.

Im Refugio La Playita gibt es ein köstliches Mittagessen und ein erfrischendes Bad im kristallklaren Fluss.

Das letzte Stück führt uns auf einem eintönigen breiten Weg nach Warton.

Ich bin müde und habe keine Lust mehr. Werde zum quengelnden Kind, das meine Eltern vor vielen Jahren mit dem Versprechen auf Schokolade schließlich doch auf jeden Berg brachten.

Hernans Versprechen: „Gleich sind wir in Warton.“ 20 Minuten später: „Gleich sind wir in…“ Nörgelnd packe ich hinter ihm mein ganzes Wissen an spanischen Schimpfwörtern und Flüchen aus und bin mir sicher, dass „WARTON NO EXISTE“. Noch heute sagen wir in vielen Situationen, „das ist wie Warton… Das gibt es gar nicht.“

Gefühlt fünf Stunden und zwanzig Hängebrücken später stehen wir vor einem Schild, das sich schüchtern hinter Büschen und Ästen versteckt: WARTON! Warton existiert!

In Warton ziehen wir die Schuhe aus, es gibt Pizza und Bier und wir tauschen mit netten Leuten aus ganz Argentinien unsere Wandereindrücke aus. Von Warton geht es mit dem Bus zurück nach El Bolsón, wo ich mich auf eine heiße Dusche freue.

Neugierig geworden?

Von Buenos Aires gibt es täglich mehrere Flüge nach Bariloche, ins Herz der "argentinischen Schweiz". Von dort fahren verschiedene Buslinien direkt ins 130 Kilometer entfernte El Bolsón, wo es zahlreiche Unterkünfte für jeden Geldbeutel gibt.

 

Die Gegend kann das ganze Jahr über bereist werden. Ski- und Snowboardfans kommen im Winter auf ihre Kosten, wobei Bariloche ein größeres und besser ausgebautes Skigebiet hat.

Zum Wandern eignen sich die Monate November-April. Informiere Dich vor der Tour über das Wetter und ob noch viel Schnee in den Bergen liegt, damit Du Deine Ausrüstung entsprechend anpassen kannst. Im Januar und Februar ist das Wetter am beständigsten, tagsüber kann es sehr warm werden (aber es ist eben Patagonien und kann auch mitten im Januar schneien). Im April regnet es häufiger, aber mit ein bisschen Glück erlebst Du dann einen herrlichen Indian Summer.

In dem beschriebenen Gebiet gibt es viele schöne Hütten zum Übernachten, Du musst also nicht auf das Wandern verzichten, wenn Du kein Zelt dabei hast. Die Übernachtung dort ist nicht teuer. Es sind jedoch nicht alle Hütten bewirtet. Darüber solltest Du Dich im Voraus informieren.

Am besten ist es einfach vor Ort in die Touristeninfo zu gehen, denn es gibt nicht wirklich viele (und vor allem brauchbare) Infos über die Wanderwege, schon gar nicht auf Deutsch. Was ja auch schön ist, denn so bleibt es im Gegensatz zu El Chaltén am Fitz Roy noch eine Weile verschont vom Massentourismus :-)

Hernan und ich haben Kartenmaterial und fehlende Ausrüstung schon in Bariloche gekauft, weil es dort einfach mehr Auswahl gibt.

In der Gegend um El Bolsón gibt es reichlich Flüsse, deren Wasser ohne Bedenken getrunken werden kann.

 

Mehr Infos über El Bolsón und Wandervorschläge (auf Spanisch) findest Du z.B. bei Welcome Argentina, Turismo El Bolsón, Bolsónweb.

 

Wenn Du mehr Infos brauchst, kannst Du mir natürlich auch immer gerne eine Mail schreiben.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Stefanie (Samstag, 29 Juli 2017 07:51)

    Wieder mal ein wunderschöner Beitrag - da würde ich mir am liebsten sofort die Wanderschuhe schnappen und loswandern!
    Liebe Grüße

  • #2

    Argentinien24/7 (Sonntag, 30 Juli 2017 04:23)

    Danke, liebe Stefanie. Ich würde auch am liebsten sofort wieder los in die Berge :-)

 

 

 

Vierundzwanzig Stunden in Argentinien, sieben Tage die Woche - ein Blog über das Reisen und den Alltag in einem viel zu großen Land. Inspiration und Tipps, Traumtänzerei, Wut, Glücklichsein, Suchen, gefunden werden. Geschichten, die das Leben möglich macht. Viel Spaß beim Schmökern und gute Reise!

 

Anregungen, Kritik, Wünsche? Ich freue mich über Nachricht von Dir!

E-Mail: info@argentinien24-7.com