Studieren in Buenos Aires I: Universidad de Buenos Aires

Zwischen Marihuanawolken und Karl Marx

 

 

 

Am Anfang war der Schock.

 

Ich betrete das Gebäude und werde von einer Wolke Marihuana begrüßt.

Menschen laufen aufgeregt hin und her. Ein Geräuschpegel ist das!

Ein Karl Marx Verschnitt, dem die Zigarette an die nikotingelben Finger angewachsen zu sein scheint, versucht, Schreibmaterial zu verkaufen.

 

 

Ist das wirklich die Uni?

Che und K im Gefängnis

Dieses Gebäude erinnert eher an ein Gefängnis. Vor den Fenstern sind Gitter angebracht, der Verputz bröckelt von den Wänden.

Die vorherrschende Farbe: grau. Die Gänge sind lang und dunkel.

Insgesamt wirkt alles sehr kalt. Hinter einer Tür liegt eine kaputte Klobrille. Apropos Klo: Ich werde nie wieder über die Toiletten an deutschen Unis meckern, denn sie sind wirklich sauber!

Gut vorher zu wissen, dass es an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Buenos Aires grundsätzlich kein Toilettenpapier gibt.

 

Die Nummern der Hörsäle sind nur schwer zu erkennen, da die Wände vollgeklebt sind mit politisch motivierten Plakaten.

Von jedem zweiten Plakat winkt die – damals noch – Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner zu, darunter steht „Cristina, wir mit dir“, „wir sind alle K“ (wie die Kirchneristen genannt werden) oder Ähnliches.

 

Da ist das Audimax. Es heißt Hörsaal Ernesto Guevara. Statt einer Nummer hängt hier groß das altbekannte Bild des Nationalhelden.

 

Ich bahne mir einen Weg durch den Plakatdschungel.

 

Im Hörsaal werde ich vom Gurren einer Taube begrüßt. Ein paar Studenten werfen ihre Kippen noch in den Gang, bevor sie sich in die Seminarräume verabschieden. Im Hörsaal ist Rauchen verboten. Eigentlich ja im gesamten Gebäude der Uni, aber an den Schildern mit durchgestrichenen Zigaretten stört sich hier niemand. Auf den Gängen und den Toiletten wird geraucht, was das Zeug hält.

 

Über Traumata und Probleme

In meinem Seminar sind wir nur zu acht. Diego betritt den Raum und begrüßt alle mit Küsschen auf die rechte Wange. Diego ist der Dozent. Ich stelle mir vor, was meine Dozenten in Deutschland sagen würden, wenn ich sie mit Küsschen begrüßen und duzen würde.

 

Der Name des Seminars: Trauma – Theorie und Praxis. Es geht um den kulturellen Aspekt von Traumata. Diego stellt kurz das Programm vor, dann wir uns. Ich stottere irgendetwas vor mich hin und stelle wieder mal fest, dass ich das für das Auslandssemester erforderliche B2-Niveau nur auf dem Papier habe.

Zehn Minuten später sind meine neuen Kommilitonen und Diego bereits in eine hitzige Diskussion über die letzte Militärdiktatur in Argentinien, den Menemismus der 90er Jahre, die Krise 2001, Erinnerungsarbeit und die aktuelle Politik verstrickt.

Escrache, Piquete, Macrismo – ich verstehe kein Wort und schaue der Taube zu, die kopfwackelnd den Boden nach Krümeln absucht.

 

Freitag, 23 Uhr

Im Rahmen meines Masterstudiums war ein Auslandssemester an einer außereuopäischen Uni Pflicht. Wir hatten die Wahl zwischen sechs Standorten. Meine Wahl fiel auf Buenos Aires. Die Stadt hat mich schon während meiner ersten Südamerikareise 2006 in ihren Bann gezogen. Außerdem wollte ich mein Spanisch verbessern. Mit drei Kommilitoninnen des Masterstudiengangs brach ich 2012 auf ins Abenteuer Auslandssemester.

Meine Uni in Deutschland hatte eine Kooperation mit der Universidad de Buenos Aires – der größten Uni des Landes. Zumindest gab es diese Kooperation auf dem Papier. Im Auslandsreferat kannte allerdings kannte sie niemand.

Die Fakultäten der UBA sind über die ganze Stadt verteilt. Es werden 85 Studiengänge angeboten und insgesamt zählt die UBA rund 300.000 Studierende.

 

Aus Deutschland bin ich es gewohnt, morgens oder nachmittags an die Uni zu gehen. Spätestens um 20 Uhr ist Schluss. Da ist die Uni auch schon ausgestorben und wird für den nächsten Tag gereinigt. Auf der anderen Seite des Äquators läuft das anders herum.

Von 17 bis 23 Uhr platzt die Uni aus allen Nähten, da die meisten Studierenden tagsüber arbeiten.

Die Seminare gehen nicht eineinhalb Stunden wie in Deutschland, sondern vier.

Freitagabend bis 23 Uhr in Hörsälen sitzen? Keine Seltenheit.

Nach der Vorlesung trifft man sich im Innenhof, raucht, lacht, diskutiert, trinkt Bier und baut den Grill auf. Der Duft von Choripán – Wurst im Brötchen – mischt sich mit aufgeregten Stimmen, die Kant, Foucault oder Weber zitieren.

Wer kann, streut ein paar Fachbegriffe auf Deutsch ein: Lebensführung, Gemeinschaft, Lumpenproletariat. Ich erinnere mich an einen Satz meines Dozenten in Deutschland: „Wer in Buenos Aires studieren will, der muss seinen Marx schon kennen.“

Er sollte Recht behalten.

 

Vorlesungen & Seminare

Es gibt Seminare (seminarios) und Vorlesungen (materias). Die Vorlesungen bestehen aus vier Stunden Theorie, in denen der Dozent an der Tafel einen Monolog hält und zwei Stunden Tutorium, in dem Übungen gemacht und Fragen geklärt werden und diskutiert wird.

Vor Semesterbeginn kann man sich an der Uni Infos über die angebotenen Seminare und Vorlesungen einholen. Haufenweise Papier, vollgestopft mit Infos.

Dann muss man sich entscheiden: Man trägt sich für 4 materias/seminarios ein und kann von da an nicht mehr wechseln.

Meine Veranstaltungen sind unter anderem das genannte Trauma und "Probleme lateinamerikanischer Literatur".

Ja, Probleme gab es viele während des Auslandssemesters. Angefangen bei der Sprachbarriere über Streiks hinzu wöchentlichem Bücherläden Abklappern.

Für die "Probleme" müssen wir jede Woche mindestens drei Bücher plus haufenweise Sekundärliteratur lesen. Das Problem: Die Bücher sind anscheinend so exotisch, dass es eine Sisyphos-Arbeit ist, sie in den Buchläden zu finden. Meine wöchentlichen Spaziergänge führen mich also von Buchladen zu Buchladen, von Bücherei zu Bücherei. Meist werde ich doch noch fündig, habe dann aber keine Zeit mehr, alles zu lesen.

So habe ich am Ende des Semesters ein 9 Quadratmeter großes WG-Zimmer, das vollgestopft ist mit Büchern, von denen ich jeweils ein paar Kapitel gelesen habe.

Leistungen & Notensystem

Das Notensystem geht von 1 bis 10, wobei 10 die beste Note ist. Zum Bestehen braucht man einen Durchschnitt von 4. Die zu erbringenden Leistungen für ein seminario sind in der Regel eine mündliche Präsentation sowie eine Hausarbeit in der vorlesungsfreien Zeit. In den materias gibt es pro Semester zwei Zwischenprüfungen, "parciales", (entweder als schriftliche Prüfung während des Seminars oder Essays, die zu Hause geschrieben werden).

Bis zum Ende der Vorlesungszeit muss eine Hausarbeit eingereicht werden. Viele materias bieten die Möglichkeit der "promoción directa": Erreicht man in den Zwischenprüfungen und der Hausarbeit einen Notendurchschnitt von 7, ist die materia bereits bestanden. Wenn nicht, muss man noch eine zusätzliche Abschlussklausur absolvieren.

Zehn Mann in einem Café...

Den Unialltag erleichtert haben mir meine Freunde von Mac Pancho, einem kleinen Imbiss auf der anderen Straßenseite.

Hier gibt es guten Café und leckere Snacks.

Hinter der Theke stehen mindestens vier Angestellte, zwei weitere davor. Der Chef überwacht die Kasse.

Warum in diesem kleinen Laden wohl so viele Leute arbeiten? Ganz einfach: Bei einem bestellt man, dieser ruft die Bestellung lauthals an einen anderen weiter, der sie sich notiert. Den Zettel übergibt er einem Dritten, der ihn an die Küche weitergibt. Einer sagt mir den Preis, gezahlt wird aber beim Chef. Ein anderer zeigt mir, wo es Zucker für den Kaffee gibt.

Und der Mann in der Ecke? Nun, er hat wohl gerade Pause, schaut gespannt in den Fernseher und kaut nervös auf einem Zahnstocher herum.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Nach zwei Besuchen kennt man mich hier schon und weiß, was ich bestellen möchte. Für jeden Studierenden haben die Mac Pancho-Herren einen eigenen Namen: der Philosoph, das Schätzchen, die Hübsche.

Ich bin - wie könnte es auch anders sein - "la rubia", die Blonde.

 

Selbst wenn keine Kunden da sind, geht es bei Mac Pancho immer hektisch zu. Alle zehn Mitarbeiter scheinen unter einem kontinuierlichen, enormen Stresspegel zu stehen. Sie schwitzen, fluchen, schreien. Trotzdem sind sie immer freundlich. An Mac Pancho denke ich gern zurück. Auf dem Gehsteig sind ein paar Tische und Stühle, wo ich montags zwischen den Seminaren meine Texte lese und Kaffee trinke.

 

Dozentenstreik

Im Oktober gibt es den ersten Dozentenstreik. Eine Lohnerhöhung wird gefordert. Es fühlt sich ein bisschen nach 68er an, zumindest stelle ich es mir so vor. Die Uni ist verriegelt. Trotzdem finden einige Veranstaltungen statt. Sie werden auf der Straße abgehalten. Dozenten und Studenten sitzen Mate trinkend auf Stühlen oder auf dem Boden und gestikulieren eifrig.

Andere gestalten Plakate und riesige Banner für die spätere "marcha", die Demo im Zentrum. Oder sie sprühen Graffitis an die Wände der Uni. So wird dem tristen Grau zumindest ein bisschen Leben eingehaucht.

Die gestressten Schreie von den Mac Pancho-Herren begleiten die Diskussionen. Autos hupen, weil es heute kein Durchkommen gibt auf der Puán Straße.

 

Streiks gehören zu Buenos Aires wie der Tango. Da macht auch die Uni keine Ausnahme.

 

Studentenvisum

Was? Visum? Stimmt, da war doch was!

Mein Studentenvisum wurde eine Woche vor Vorlesungsbeginn beantragt. Bekommen habe ich es Ende November – da war das Semester rum und das Visum noch bis Ende des Jahres gültig.

 

Bei der Ausreise aus Argentinien im März fragt mich der nette Zöllner, ob ich ein Visum oder irgendein gültiges Dokument habe. Er runzelt die Stirn, als er in mein hochrotes, tränenüberströmtes Gesicht blickt. Meine Antwort zwischen Schluchzern: „Ja, ich habe ein abgelaufenes Studentenvisum, aber dein Land ist so schön und ich will hier nicht weg.“

Puh, das war die richtige Antwort. Er gibt mir mit einem etwas verwirrten Lächeln den Ausreisestempel und winkt mich durch.

 

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Danke, liebe Stefanie, dass ich deine Fotos für den Artikel verwenden darf! :-)

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