Champaquí: Wanderung auf das Dach Córdobas

Der Cerro Champaquí ist mit 2790 Metern die höchste Erhebung der Sierras de Córdoba, einem zentralargentinischen Gebirgszug in der Provinz Córdoba. Von dem kleinen Ort Villa Alpina kann er in zwei Tagen gemütlich bestiegen werden: zunächst 13 Km bis zum Basislager, wo es verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten gibt, und am nächsten Tag weiter zum Gipfel.

 

Gipfelplateau des Cerro Champaquí
Auf dem Gipfel des 2790 m hohen Cerro Champaquí dürfen sich Wanderer auf ein wunderbares 360° Panorama freuen.

Cerro Champaquí – höchster Berg der Sierras de Córdoba

Die Tour zum Champaquí ist technisch nicht anspruchsvoll, allerdings ist das Wetter dort sehr unbeständig. Oftmals hüllt sich der Berg in dichte Nebelwolken, was die Orientierung mitunter extrem erschwert, da die Wegmarkierungen in Form von Steinmännchen zum Teil weit auseinander liegen, das Gelände sehr weitläufig ist und es zahlreiche Vieh-Trampelpfade gibt, die ins Nichts führen - oder zumindest nicht zum Basislager.

Wer den Weg nicht kennt, sollte bei Nebel entweder mit einem Bergführer aufsteigen oder auf besseres Wetter warten.

Wir haben glücklicherweise nicht mit Nebel zu kämpfen, dafür aber mit Hitze.

 

Zwei Tage nach unserer Tour, wir sind mittlerweile im beschaulichen La Cumbrecita, ertönen in der gesamten Region lautstark die Sirenen. Das Wetter in den Bergen ist schlecht. Ein Kellner erklärt uns, dass zwei Personen am Champa vermisst werden. Als wir ein paar Tage später La Cumbrecita wieder verlassen, haben die Suchtrupps die Personen immer noch nicht gefunden. Du kannst Dir also vorstellen, WIE weitläufig das Gebiet ist.

Wanderweg zum Champaquí, Provinz Córdoba
Bei Schlechtwetter ist der Wanderweg oft nicht erkennbar, zumal es auch zahlreiche Vieh-Trampelpfade gibt.

Registrierung für die Besteigung des Champaquí

Um den Champaquí (und andere Berge der Region, die als Gefahrengebiet eingestuft werden) zu besteigen, ist eine vorherige Registrierung bzw. das Ausfüllen einer eidesstattlichen Erklärung Pflicht. Dem sollte in jedem Fall nachgegangen werden, denn nur so werden die Rettungskräfte überhaupt erst informiert, sollte es zu einem Notfall kommen. Zum Online Formular kommst Du hier.

 

Gut zu wissen! 

Nimm unbedingt genügend Wasser mit, wenn Du den Champa besteigen möchtest. Außer einem Fluss am Basislager gibt es (abgesehen von ein paar Lachen) keine Möglichkeiten, Wasser aufzufüllen.

 

Tag 1: Auf den Champa - erste Höhenmeter im Vollmondschein

3:30 Uhr. Der Wecker reißt uns unsanft aus dem Schlaf, die Nacht war viel zu kurz. Ohne Kaffee und ohne Frühstück schultern wir die schweren Rucksäcke, setzen die Stirnlampen auf und marschieren noch etwas steif hinaus in die vollmondgoldene Nacht. In Córdoba wandert man nachts, um zumindest anfänglich ein paar Stunden Hitzeruhe zu haben. Bereits nach ein paar Metern beginnt der Anstieg im dunklen Wald, zwar nicht sonderlich steil, aber für die schlafenden Glieder doch eine kleine Herausforderung.

 

36 Grad – Schatten? – Träum weiter!

36, diese Zahl hämmert mit jedem Schritt in meinem Kopf. Das ist die Temperaturvorhersage für diesen Tag. Uns stehen etwa 7 Stunden Aufstieg bevor und wir wissen, dass es keinen Schatten geben wird. Nur kleine Sträucher, Felsen, die Sonne und einen makellosen Himmel.

Bis die Sonne am Horizont zum „guten Morgen“ grüßt, gehen wir zügig und ohne Pausen. Das kurze Schauspiel aus Rosa, Rot und Gold aber wollen wir uns nicht entgehen lassen und setzen den Rucksack ab – der Rücken dankt. Für eine 3-Tages-Tour ist der Rucksack viel zu schwer. Das wissen wir. Denn wir schleppen Ramón mit auf den Berg, einen schweren 9-jährigen Spanier, dessen weite Reise oben ein Ende finden wird.

Nachdem die Sonne aufgegangen ist, geht alles ganz schnell. Mit jeder Minute wird es spürbar wärmer, bald schon tropft der Schweiß. Wir drosseln das Tempo.

 

Hoch hinauf zur Pampa de Achala

Im Morgenlicht beobachten wir ein paar Esel beim Trinken am Fluss. Esel, Pferde, Kühe und Schafe treffen wir viele am Berg, sie verbringen dort den Sommer frei und wo sie möchten. Wir erreichen die „Pampa de Achala“, ein für die Sierras in Córdoba typisches Hochplateau aus schroffen Felsen und gelblichen Büschelgräsern. Der Weg wird insgesamt flacher, von eine paar kurzen Steilpassagen abgesehen.

 

Endlich! Kleine Schattenfreuden!

Hier liegt der Puesto Moises Lopez, eine Art Bauernhof mit Übernachtungsmöglichkeit. Damit haben wir in etwa die Hälfte bis zum Champaquí Base Camp, unserem heutigen Ziel, zurückgelegt. Zwischen Muh’s, Mäh’s und Kikeriki’s gönnen wir uns eine kurze Rast im Schatten eines Baumes. EIN BAUM!  Wundervoll! Verschmitzt grinsend blicken wir uns an, keiner möchte den Satz „lass uns weiter gehen“ aussprechen.

Ein paar Stunden später, die Sonne knallt schonungslos auf den erhitzten Körper, finden wir eine weitere Oase: Schatten unter einem großen Felsen! Trotz Sonnencreme ist mein Kopf mindestens so rot wie mein T-Shirt und der kühle Fels ist eine Wohltat. Wir verbringen dort die gesamte Mittagszeit und machen uns erst wieder auf den Weg, als die Sonne etwas tiefer steht.

Die felsige Landschaft um uns herum hat sich während wir im Schatten dösten nun richtig erhitzt, „ein Inferno“ denke ich schnaufend beim Aufstieg.

 

Luxus am Basislager des Champaquí

Einige Aufs und Abs später erblicken wir in der Ferne die Unterkünfte am Fuße des Champa, der mächtig felsig über dem grünen Hochtal wacht. Wir schlagen das Zelt auf und der nette Hüttenwirt verkündet, wovon wir nicht einmal geträumt haben: Es gibt Duschen! Es gibt kaltes Bier!

„Wir sind Gardel“ – ser Gardel ist eine typisch argentinische Redewendung, die ähnlich wie „wie Gott in Frankreich“ verwendet wird. Nach Brotzeit und Bier fallen wir ins Zelt, ein „gute Nacht“ wandert gerade noch über die Lippen, dann übermannt uns der Schlaf.

 

Tag 2: Zum Gipfel des Champaquí

Wie gut Schlaf doch tut! Man fühlt sich wie neu geboren, Energie- und Kraftreserven werden wieder aufgetankt über Nacht, vergessen sind die schmerzenden Muskeln vom Vortag, vergessen die Erinnerung an die gleißende Sonne. Wir trinken Mate und schauen den Schafen und Ziegen zu. Dann machen wir uns auf den Weg zum Gipfel, heute nur mit kleinem Tagesrucksack und einem perfekten Mix aus Sonne und Wolken. Der Pfad ist stellenweise steil, aber ohne technische Herausforderungen (im Gegensatz zum Cerro Cristal in Patagonien, an dem ich meine Grenzen etwas ausdehnen durfte), sodass der Genuss ganz im Mittelpunkt steht.

 

Vom Heiligen Martín, Flip Flop Trägern & argentinischen Inselwelten

Es gibt verschiedene Aufstiegswege zum Champaquí, darunter leider auch einen gut ausgebauten, der mit 4x4 befahren werden kann. Der Parkplatz liegt etwa 300 Meter unterhalb des Gipfels, und so teilen wir – verschwitzt und außer Atem – die Aussicht mit Flip Flop, Strohhüten und hübschen Blusen tragenden instagramisch in die Kamera lächelnden Personen.

 

Das Gipfelplateau ist weitläufig und lädt zum langen Verweilen ein.

Eine Büste von Freiheitskämpfer San Martín blickt verträumt gen Anden, etwas unterhalb erklärt ein blaues Schild, dass wir uns 2265 km von den Islas Malvinas entfernt befinden.

 

Die weite Reise des Ramón

 

Am Spätnachmittag sind wir zurück am Zeltplatz. Heute ist es soweit, heute wird Ramón geköpft.

 

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Ramón Bilbao aus dem spanischen Rioja steht für exzellente Rotweine, unser Favorit ist „El viaje de Ramón“ (gibts ab 6 Euro im Supermarkt). In diesem Jahr habe ich dem Argentinier an meiner Seite einen besonders edlen Tropfen, die Gran Reserva 2012 – das Jahr, in dem wir uns kennenlernten – mitgebracht.

El viaje (=die Reise) führt Ramón von Spanien nach Süddeutschland, in meinem Rucksack über den Atlantik nach Buenos Aires, im Auto nach Córdoba, auf meinem Rücken zum Champa.

 

Und hier findet seine weite Reise ein Ende. Der Wein macht seinem Namen damit alle Ehre.

Der Duft Spaniens passt perfekt zu den uns umgebenden Sierras, die in goldenes Abendlicht getaucht sind.

Zum Wohl & RIP, Ramoncito!

Tag 3: Abstieg nach Villa Alpina

Ausgeschlafen machen wir uns am nächsten Morgen nach dem täglichen Mate-Ritual an den Abstieg. Die Sonne zeigt sich auch heute wieder gnädig.

 

Zurück in Villa Alpina begrüßt uns Wirtin Cristina mit den Worten: „Wir hatten heute schon Besuch von einer Viper, ein aufregender Tag.“ Der unangekündigte Besuch war eine Yarará, auf Deutsch Halbmond-Lanzenotter. Diese giftige Schlangenart ist in Argentinien weit verbreitet, ihr Biss gilt als lebensbedrohlich und man sollte schnellstmöglich ins Krankenhaus.

Cristinas Sohn habe das Tier in einen Karton verfrachtet und weit von der Siedlung entfernt im Wald wieder ausgesetzt.

„Man darf diesem Idyll hier nicht trauen“, murmelt Cristina immer wieder vor sich hin, während sie uns ihre selbstgemachten Ravioli mit Bolognese Soße serviert.

 

Von der Neugier getrieben

Wir bleiben ein paar Tage in Villa Alpina und unterhalten uns lange mit den wenigen Menschen, die hier leben, und die allesamt mit neugierigen Blicken aus dem Haus rennen, wenn ein fremdes Auto hergefahren kommt. Ihnen entgeht nichts. Unwillkürlich muss ich an die alleswissenden Aus-dem-Fenster-Gucker in meinem schwäbischen Heimatdorf denken, denen niemals entgeht, wer gerade zu Besuch ist, wie oft man in den Wald läuft, mit dem Auto wegfährt oder ob das Licht zu später Stunde noch brennt. Beschauliches Leben. Bald schon springen auch wir neugierig auf, sobald wir ein Auto hören.

 

Schaf- und Ziegen-TV in Villa Alpina

Villa Alpina bietet den wenigen Besuchern das beste TV-Programm überhaupt. Fernseher und Internet gibt’s nicht, man ist gezwungen, sich die reale Welt anzusehen, die so unverzichtbar schön ist.

Mein Lieblingssender: die tägliche Schaf- und Ziegen-Telenovela. Einwohner hat Villa Alpina zwar nur wenige, dafür aber Hunderte Ziegen und Schafe. Verzweifeltes Lämmlein sucht Mutter, probiert hier und da ein bisschen Milch, schmeckt nicht, zieht weiter, findet die Mutter. Ziegenbock Eins kämpft mit Ziegenbock Zwei um die Aufmerksamkeit der hübschen Ziegendame, die davon völlig unbeeindruckt ihrer Liebe zu saftigen Grashalmen frönt. Kikeriki ruft der stolze Hahn den lieben langen Tag.

Pünktlich jeden Abend um 8 finden sich alle Ziegen und Schafe vor dem Gatter ein und initiieren ein lautstarkes Konzert, das ihren Besitzern symbolisieren soll: Wir sind hier, öffne das Gatter, Alter, und lass uns in den wohligen Stall!

Jeden Morgen um 8 das gleiche Spiel, aber nun geht’s hinaus in die Freiheit. Unzählige Ziegen und Schafe nehmen die Schotterstraße für sich ein, schauen in unserer Unterkunft vorbei, rennen durchaus auch mal einen Mate-Trinker beinahe über den Haufen, und verkrümeln sich für den restlichen Tag in die waldige Umgebung – bis die innere Uhr sagt, dass es 8 und damit Gatterzeit ist.

 

Ziegen in Villa Alpina, Córdoba
Täglicher Ziegen-Schaulauf in Villa Alpina, Córdoba

Villa Alpina.

Ich denke mit warmem Herzen an diesen Ort zurück, der aus ein paar Häusern und einer Kapelle besteht und der lieblich in die Landschaft aus grünen Hügeln, duftenden Blumen und dunklen Bäumen eingebettet ist.

Auch wenn man dem Idyll nicht trauen darf.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Rosi (Samstag, 18 Dezember 2021 12:50)

    Super Reisebericht, besonders...aus- dem- Fenster-Gucker

  • #2

    Argentinien 24/7 (Samstag, 18 Dezember 2021 13:54)

    Danke! An die musste ich denken ;-) Schön, dass dir der Artikel gefällt!