Refugio Río Diablo: das schönste Nirgendwo der Welt

Bist Du bereit für ein bisschen Wildnis? Denn dorthin nehme ich Dich in diesem Artikel mit. Durch wegloses Gelände, tosende Flüsse, Märchenwälder, bergauf, bergab. Bis die schmalen Pfade sich im ewigen Weiß des patagonischen Eisfeldes verlieren. Bist du bereit? Dann nichts wie los: Vom Lago del Desierto zum Refugio Río Diablo an der argentinisch-chilenischen Grenze.

 

Am Nordufer des Lago del Desierto genießt man einen wunderbaren Blick auf das Fitz Roy Massiv bei El Chaltén.
Am Nordufer des Lago del Desierto genießt man einen wunderbaren Blick auf das Fitz Roy Massiv bei El Chaltén.

Vorbereitungen in El Chaltén

El Chaltén ist seit meiner ersten Argentinien-Reise einer meiner absoluten Herzensorte. Obwohl ich dort schon oft war, zieht es mich immer wieder hin. Und auch Hernán war begeistert, als ich ihn vor 6 Jahren zum ersten Mal dorthin schleppte.

 

Nachdem nach 9-monatiger Ausgangssperre Reisen innerhalb Argentiniens im Sommer erlaubt waren, stand für mich nach meiner Rückkehr aus Deutschland fest: Wir müssen nach El Chaltén. Gesagt, getan.

Vier Wochen waren wir dort in den Wanderschuhen unterwegs und haben neben Bekanntem einige neue Touren entdeckt.

So auch die Wanderung zum Refugio Río Diablo.

 

„Großartig, dass ihr das macht. Es wird sich anfühlen, als wärt ihr die Ersten, die Entdecker einer unbekannten Region.“

Diese Worte gab uns ein sympathischer, zufrieden lächelnder Alt-68er mit auf den Weg. Er sollte Recht behalten.

 

Wir starten in der Touristenhochburg El Chaltén. Die „Trekkinghauptstadt Argentiniens“ ist normalerweise in den Sommermonaten komplett überlaufen.

Aber was ist schon normal in diesen Zeiten?

Touristen ohne DNI ist die Einreise nach Argentinien untersagt, und so ist das Dorf in diesem Jahr erstaunlich leergefegt.

 

Wir klopfen an die Tür der Gendarmería Nacional, und bitten um Erlaubnis, am Nordufer des Lago Desierto zelten zu dürfen.

Dort, mitten im Nirgendwo, hat die argentinische Grenzpolizei einen Posten, von dem aus sie illegalen Viehschmugglern auf der Spur ist. Ein kurzer Anruf per Funk und die Sache ist geritzt. Wir dürfen dort für eine Nacht zelten.

 

Am nächsten Tag geht es mit dem Minibus ans Südufer des Lago del Desierto. Dort gibt es einen wunderschönen und bestens ausgestatteten Campingplatz.

 

Zum Warmwerden wandern wir zum Huemul-Gletscher und der gleichnamigen Lagune, ein verstecktes Juwel, das wir ganz für uns allein genießen dürfen.

 

Laguna & Glaciar Huemul

Lago del Desierto: ein paar Fakten & Hintergründe

Im Grenzvertrag zwischen Chile und Argentinien vom 23. Juli 1881 wurde beschlossen, dass die Landesgrenze entlang der höchsten Berge und der Wasserscheide verlaufen sollte. Das stellte sich jedoch als schwieriger heraus als gedacht. Gerade in der Region rund um El Chaltén war lange nicht klar, wo genau die Grenze verläuft.

 

Bis heute gehören der Fitz Roy und das Gebiet weiter südlich bis zum Cerro Murallón offiziell sowohl zum argentinischen Nationalpark Los Glaciares als auch zum chilenischen Nationalpark Bernardo O’Higgins.

Man konnte sich nicht einigen, und so zeigen die Karten eine provisorisch eingetragene Grenze, die in beiden Ländern unterschiedlich und zum eigenen Vorteil verläuft.

 

In den 1990er Jahren wurden die Stimmen um die Zugehörigkeit des Lago del Desierto erneut laut. Der damalige argentinische Präsident Menem war drauf und dran, Chile das „vergessene Gebiet da unten im Süden, wo niemand leben möchte“ einfach zu schenken. So weit kam es allerdings nicht.

 

Der Lago del Desierto ist weiterhin argentinisches Territorium. Die Grenze verläuft nur ein paar Kilometer nördlich des Sees, und verliert sich nach wie vor im Süden zwischen den messerscharfen Granitspitzen und Eisfeldern.

 

Wandern am Lago del Desierto: Panoramaweg vom Süd- zum Nordufer

Am nächsten Tag lassen wir den Campingplatz am Südufer des Sees hinter uns. Und entfernen uns mit jedem Schritt von dem, was wir als Zivilisation bezeichnen.

Auch hier ist unter normalen Umständen einiges mehr los. Touristen lassen sich vom Katamaran ans andere Ufer schippern, und werden abends wieder abgeholt.

Der Katamaran fährt in dieser Saison nicht. Die Begründung lautet wie so oft: Corona.

Wir wandern also zum gegenüberliegenden Ufer. 12 Kilometer geht es auf einem bezaubernden Panoramaweg auf und ab.

Immer wieder stehenbleiben und sich umdrehen, lohnt, denn im Nacken grüßen Fitz & Co.

 

Auf der gegenüberliegenden Seeseite reihen sich die Gletscher aneinander, mächtig und fragil zugleich. Sie werfen funkelnde Kristalle auf den türkisfarbenen See. Dann wieder tauchen wir ab in märchenhafte Südbuchenwälder mit ebenso märchenhaften Wasserfällen. Die Bäume und Sträucher sind bereits herbstlich-bunt angehaucht – ein farbenfroher Kontrast zum azurblauen Himmel und den Gletschern.

 

Diese Landschaft geht unter die Haut.

Es fällt schwer, einen Schritt vor den anderen zu setzen, denn eigentlich möchte man nur stehen und schauen und staunen.

Wir nehmen uns reichlich Zeit dafür.

Doch der tosende Wind ermahnt uns zum Weitergehen, wenn wir wieder einmal zu lange sitzen, und sich der schweißnasse Rücken plötzlich vor Kälte verkrampft.

 

Das Wetter meint es gut mit uns. Denn in diesem Jahr erlebt Patagonien einen außerordentlichen Sommer.

 

Viele Wochen der Trockenheit haben die Bachläufe schrumpfen lassen, sodass wir meist trockenen Fußes auf der anderen Seite ankommen. Nur einmal müssen wir die Schuhe wechseln und den Fluss queren.

Unter normalen patagonischen Bedingungen können auf diesen 12 Kilometern bis zu 25 Flussquerungen anstehen.

Ganz zu schweigen davon, dass man dann auch ständig im Matsch versinken würde.

 

Die Trockenheit und die warmen Temperaturen kommen dem Wanderer zwar zugute, die Gletscher hingegen leiden in diesem Jahr leider entsetzlich.

 

Das Nordufer kommt mit jedem Schritt näher, und scheint dennoch Lichtjahre entfernt. Winzig klein können wir schon das Haus der Gendarmería ausmachen.

Es wartet ein steiler Abstieg über Geröll und Steine, dann sind wir am Ufer.

Dort treffen wir den Suboficial, den Verantwortlichen der dreiköpfigen „Gendarmería-Mannschaft“, beim Angeln.

Nach einem netten Plausch signalisiert er uns, dass wir im angrenzenden Wald zelten können, und er gibt uns auch sein OK für unser Vorhaben, die Wanderung zum Refugio Río Diablo.

 

Die Lichtung direkt am Seeufer, wo das Haus der Gendarmería steht, ist mir von Anfang an sympathisch.

Magellangänse und bandurrías, eine hiesige Ibis-Art, stolzieren am Strand entlang, die Pferde der Gendarmería grasen frei und werden erst spät am Abend in ihren Stall gebracht. Eine Katze schmiegt sich zufrieden schnurrend um meine Beine.

Das ist doch schon ganz schön nah dran an einer Vorstellung vom Paradies!

 

Wir registrieren uns und unterhalten uns mit den beiden anderen Gendarmen, junge Männer, die bestimmt noch keine 30 sind. Einer der beiden versucht uns von unserem Plan abzubringen.

Den Weg zum Refugio würde kaum jemand gehen, dementsprechend seien Markierungen so gut wie nicht vorhanden.

Das sei zu gefährlich, zumal seit Ausbruch der Pandemie keiner mehr dort gewesen und das Labyrinth aus Pfaden ordentlich zugewachsen sei.

„Nein, das können wir nicht verantworten. Wenn ihr euch verlauft, müssen wir euch suchen, und dafür ist das Gebiet zu weitläufig.“

Wir weisen höflich darauf hin, dass wir von seinem „Chef“ bereits das OK erhalten hatten. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

 

Es ist klar: Wir machen uns morgen früh auf den Weg.

 

Wir sind natürlich gut vorbereitet. Neben Karten, Kompass und dem GPS-Track, haben wir auch ein Funkgerät dabei, um im Notfall mit der Gendarmería in Kontakt zu treten. Außerdem haben wir den Weg zuhause mehrfach und genau studiert.

So viel zur Theorie.

 

Eine stürmische Nacht im Zelt

Die Nacht ist dunkel und lang. Der Wind hat sich mit der Dämmerung zum Sturm entwickelt.

Mit offenen Augen liege im Schlafsack und stelle mir vor, dass die Bäume auf unser Zelt fallen.

Darüber nachzudenken, wenn man eigentlich schlafen sollte, ist keine gute Idee. Das ist mir natürlich klar.

Aber wenn sich solche Gedanken erst einmal in die Gehirnwindungen eingefressen haben, ist es schwer, sie wieder abzuschütteln.

Von meinen lauten und unruhigen Gedanken wird Hernán wach.

"Du bist doch die Reiseleiterin, die sich in Patagonien auskennt. Wie lange brauchen denn Lenga-Bäume, bis sie so hochgewachsen sind wie hier?" - 300 Jahre.

"Siehste, wenn sie 300 Jahre dem patagonischen Wetter getrotzt haben, dann werden sie nicht genau heute Nacht klein beigeben."

Das zumindest rede ich mir ein.

 

Ich denke: In manchen Situationen ist es leichter, gereist zu sein, als zu reisen!

 

Derartige Gedanken verschwinden in der Regel recht schnell wieder, sonst würde ich wahrscheinlich schon längst nicht mehr reisen.

Auf die stürmische Nacht folgt ein stiller Morgen, der nur durch das „Ratsch“ des Reißverschlusses gestört wird, als ich verschlafen das Zelt öffne und in die Sonne blinzele.

Alle Bäume noch da.

 

Der Himmel färbt sich rot und verdoppelt sich im ruhigen See, an dessen Ende der Fitz Roy wacht, majestätisch wie eh und je.

 

Was für ein Morgen! So macht Aufstehen Spaß!

Wanderung zum Refugio Río Diablo: Ein wirres Spinnennetz der Wege & Pfade

Nach Haferflocken und wärmendem Mate am Strand, machen wir uns auf den Weg.

Ein nettes Lächeln und freundliche Glückwünsche von den Gendarmen, dann sind wir auf uns allein gestellt.

Mit jedem Schritt tauchen wir tiefer in die patagonische Wildnis ein. Zunächst führt der Weg steil auf- und ab, immer am See entlang, mit wunderbarem Blick auf den Fitz.

 

Nach etwa einer Stunde erreichen wir eine große Waldlichtung, auf der wilde Pferde die warmen Sonnenstrahlen genießen.

El Tambo heißt dieser Platz, auf dem außer einer Hütte nichts von menschlicher Anwesenheit zeugt. Aber auch hier hat sich der Mensch längst zurückgezogen; die Hütte steht leer - und das nicht erst seit gestern.

 

Ab hier wird es kompliziert. Der Weg verschwindet ins Nirgendwo. Statt eines Weges erstreckt sich vor uns nun ein ganzes Netz aus Trampelpfaden, geschaffen von den Pferden und Rindern, die hier ein freies Leben führen dürfen.

Das GPS ist hier auch keine wirkliche Hilfe. So müssen wir uns unseren eigenen Weg suchen. Wir wählen einen, der anfangs noch klar markiert ist. Doch schon bald verliert er sich in einem wilden Gewirr aus umgefallenen Bäumen und dichtem Gestrüpp.

Ob das die richtige Wahl war?

 

Nach einer Stunde haben wir die Antwort: Nein!

Wir sind wieder am Tambo.

Erst mal den Rucksack absetzen und ein wenig die schmerzenden Schultern massieren.

Das fängt ja alles gut an! Wir sind eine Stunde im Kreis gelaufen!

 

Nach einer kurzen Pause schlagen wir einen neuen Weg ein, der uns durch einen lichten Südbuchenwald zum Fluss führt. Das war nun definitiv die richtige Entscheidung, denn hier finden wir einen gelben Stofffetzen um einen Ast gebunden. Eine Markierung der Gendarmería von anno dazumal.

 

Die erste Flussquerung ist denkbar einfach. Der Wasserstand ist am Morgen gering, die Strömung schwach.

 

Wissenswertes: Flussquerungen in Patagonien

Flussquerungen sind in Patagonien Standard, zumindest abseits der ausgetrampelten Pfade. Nicht selten müssen mehrere Bäche an einem Tag durchwatet werden.

Man sucht sich zunächst eine geeignete Stelle, an der das Wasser nicht zu tief und die Strömung nicht zu stark ist.

Auf keinen Fall sollte die Wassertiefe die Höhe der eigenen Hüfte überschreiten!

Wer den weiteren Weg nicht in triefend nassen Wanderschuhen verbringen möchte, hat ein extra Paar Schuhe für Flussquerungen im Gepäck. Das können Trekkingsandalen (Vorsicht bei Steinen im Wasser!), leichte Sportschuhe oder Sneakers mit einigermaßen gutem Profil sein.

Man geht grundsätzlich schräg gegen die Strömung und stützt sich mit beiden Wanderstöcken ab. Diese dienen auch zum „Vortasten“. So weißt Du, wo eventuell größere Steine oder plötzlich tief werdende Stellen sind.

Der Hüftgurt des Rucksacks muss auf jeden Fall geöffnet sein, damit Du Dein Gepäck im Notfall leicht abwerfen kannst. Grundsätzlich schwellen die Flüsse gegen Nachmittag und nach starken Regenfällen an.

Ist aufgrund der Strömung kein Durchkommen möglich, bleibt nichts anderes übrig, als bis zum nächsten Morgen zu warten.

 

Bei Flussquerungen geht man schräg gegen die Strömung, das Gepäck muss man im Notfall schnell abwerfen können.
Bei Flussquerungen geht man schräg gegen die Strömung, das Gepäck muss man im Notfall schnell abwerfen können.

Insgesamt stehen uns heute 4 Flussquerungen bevor. Mit einer Ausnahme sind alle Flüsse leicht zu durchwaten. Der Pegel ist auch dort nicht sonderlich hoch, doch die Strömung so stark, dass sie mir fast den Schuh vom Fuß zieht.

Langsam, konzentriert und bedacht schaffen wir es ans andere Ufer.

Bei einer anderen Wanderung ein paar Tage später sollte ich weniger Glück haben: Ich rutsche auf einem Stein aus und lande mitsamt dem Rucksack im gletscherkalten Fluss. Immerhin, eine gute Dusche, wo es keine Duschen gibt.

 

Aber heute kommen wir ohne Sturz ans andere Ufer. Dieses ständige Schuhe wechseln ist zwar etwas nervig, aber dennoch liebe ich Flussquerungen. Denn das eiskalte Gletscherwasser zieht alle Muskeln auf herrlich erwachende Weise zusammen, und danach fühlen sich die Füße frisch und energiegeladen.

 

Tempo & Rhythmus, Kilometerzahlen & Zeitangaben

Wir sprechen wenig. Jeder ist beim Wandern mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Und mit seinem eigenen Tempo. Denn es macht keinen Sinn, das Gehtempo aneinander anzupassen. Bei mehrtägigen Wanderungen mit schwerem Gepäck muss jeder seinem eigenen Rhythmus folgen, nur so kann man mit seinen Kräften haushalten.

 

Hernán ist sehr schnell unterwegs, ich etwas langsamer. Bei unseren ersten gemeinsamen Wanderungen habe ich versucht, mit ihm Schritt zu halten. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, musste ich auf physisch und psychisch schmerzliche Weise erfahren.

 

Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team, jeder hat seine eigene Rolle, jeder Handgriff sitzt perfekt. Jeder geht sein eigenes Tempo. Hernán wartet auf mich, wenn wir uns aus den Augen verlieren.

 

Kilometer- oder Zeitangaben sind bei solchen Wanderungen nichts als gesichtslose Zahlen. Ein Kilometer kann kurz sein oder gefühlt niemals enden. Eine Stunde kann vergehen wie eine Minute oder zäh vor sich hin tröpfelnd, als wäre sie ein ganzer Tag.

 

Die ersten Kilometer sind meist beschwerlich. Danach habe ich mein Tempo und meinen Atem-Rhythmus gefunden und stapfe fröhlich durch die Weite. Um dieser inneren Freude Ausdruck zu verleihen, beginne ich häufig zu singen.

 

Wenn es nicht durch den Wald geht, sind wir umringt von verschneiten Bergen und Gletschern
Wenn es nicht durch den Wald geht, sind wir umringt von verschneiten Bergen und Gletschern

Freude, schöner Götterfunken; Ein dicker Tanzbär & die Fischerin vom Bodensee

Dazu eine kleine Anekdote: In der dritten Klasse im Musikunterricht stand Vorsingen auf dem Programm. Einzeln! Im Walde von Toulouse.

Die pädagogisch wertvolle Lehrerin Frau S. begleitet jeden Schüler mit der Flöte. Jeden. Außer mich.

Nach den ersten Takten brach sie mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht ab und sagte: „Deine schiefen Töne kann ich beim besten Willen nicht begleiten, denn da würde die Flöte zerspringen.“

Lautes Gelächter meiner Mitschüler war die Antwort. Ich konnte in der 3. Klasse nicht darüber lachen. Meine Tränen schluckte ich hinunter, bis ich zu Hause war. Dieser Satz saß!

Ich habe fortan im Musikunterricht nur noch die Lippen bewegt, und gesungen habe ich ausschließlich wenn ich allein war, oder großes Vertrauen in die anderen Personen hatte.

 

Während ich in den Bergen singend einen Fuß vor den anderen setze, denke ich oft an Frau S.

 

Sowohl der Natur als auch Hernán ist es völlig egal, ob ich den Ton treffe oder nicht. Ich singe also fröhlich vor mich hin bei unseren Wanderungen. Die Lieder suche ich mir nicht aus, sie kommen einfach in meinen Kopf und wandern über meine Lippen. Im besten Fall sind das Lieder von The Doors, wobei ich Textunsicherheiten durch kreative eigens ausgedachte Anglizismen ersetze. Weil ich eben ausgelassen und glücklich bin, steht die Ode an die Freude auch ganz oben in meiner Hitliste. Die beste Textsicherheit habe ich dank meiner Nichte bei Kinderliedern vorzuweisen, die ich ebenfalls zum Besten gebe. Wenn es nun ganz blöd läuft (und das passiert schon auch zwischendurch), trällere ich ein paar Schlager vor mich hin, und wundere mich selbst, warum zum Teufel ich diese Texte besser kann als den von Riders on the Storm.

 

Durchs Dickicht

Mal singend, mal schweigend verstreichen Stunden und Kilometer.

Wir verlaufen uns aufgrund der fehlenden Wegmarkierungen ständig. Das merken wir immer dann, wenn wir plötzlich vor einer Felswand, undurchdringlichem Gestrüpp oder einem reißenden Fluss stehen, von dem wir wissen, dass wir ihn nicht queren müssen. Dann heißt es umdrehen, neuen Weg suchen.

 

Für die 15 Kilometer lange Wanderung sind 5 bis 6 Stunden veranschlagt.

Als wir in einem weitläufigen Tal ankommen, wissen wir, dass der Weg ab jetzt egal ist. Wir müssen einfach nur noch irgendwie geradeaus bis ans Ende des Tals.

Das Mallín – ein patagonisches Sumpfegebiet – finden wir zum Glück trocken vor, sodass wir angesichts des schwächer werdenden Tageslichts ordentlich Gas geben können.

 

Bald ist eine kleine Lagune in Sicht, und das bedeutet, dass es bis zur Hütte nicht mehr weit sein kann.

Die starren Lenga-Büsche werden allerdings immer dichter, und das laute „Krrrktsch“ von Rucksack und Kleidung (wieder ein paar Löcher mehr im Pulli!) hallt in der stillen Natur in einem ermahnend lauten Echo wider.

 

Einen Aufstieg vom Freudenschrei entfernt

Unsere Kraftreserven sind weitestgehend aufgebraucht. Da windet sich der Pfad steil nach oben. Nicht dein Ernst!

Erschöpft schleppen wir uns nach oben, ein paar argentinische Schimpfwörter und Flüche vor uns hin murmelnd.

 

Die Sonne ist längst untergegangen. Das Refugio ist immer noch nicht in Sicht.

 

Ich schleudere meinen Rucksack auf den Boden. Hernán tut es mir gleich und nach kurzer Beratung bleibe ich bei den Rücksäcken und Hernán macht sich auf die Suche nach der Hütte.

 

Nur ein paar Minuten später höre ich einen Freudeschrei. Zurück kommt ein strahlender Argentinier. Refugio gefunden!

Nach 10, 5 Stunden auf den Beinen sind wir endlich da!

 

Refugio Río Diablo – ein 5-Sterne-Hotel

Das Refugio Río Diablo wird von der Gendarmería genutzt, wenn sie hier in unregelmäßigen Abständen an der Grenze patrouillieren. Dass sie der Hütte schon lange keinen Besuch mehr abgestattet haben, wird uns beim Öffnen der mit Wellblech gedeckten Tür schnell klar. Doch der modrige Geruch kann uns nicht davon abhalten, hier unser Nachtlager aufzuschlagen.

 

Wir lüften gut durch, und versichern uns, dass keine Mäuse in der Hütte sind bzw. Kot hinterlassen haben. Denn dort kommen die in Patagonien verbreiteten Hantaviren vor, die auch auf den Menschen übertragen werden können. Es sind zwar aus der Provinz Santa Cruz keine Fälle bekannt, aber von Viren haben wir gerade mächtig die Schnauze voll! Kein Kot, keine Maus.

 

Mit dem letzten Tageslicht rollen wir die Schlafsäcke aus, schaffen es gerade noch, eine heiße Suppe zu schlürfen, und schon fallen wir in einen tiefen Schlaf. Der heulende Wind bringt die Hütte zum Knarzen und Ächzen.

Ich bin froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und diese wohlig-warme Unterkunft fühlt sich in diesem Moment an wie ein 5-Sterne Hotel.

 

Das weißeste Weiß

Warum wollten wir eigentlich zum Refugio Río Diablo? Dieser Ort ist absolut faszinierend, landschaftlich und geschichtlich. Unweit der Hütte deutet ein einsamer Grenzpfeiler daraufhin, dass hier die Landesgrenze zwischen Argentinien und Chile verläuft. Man kann von dort einen Teil des chilenischen Lago O’Higgins bestaunen. Aber vor allem beginnt hier das Südliche Patagonische Eisfeld, das nach der Antarktis die größte zusammenhängende Eisfläche der Südhalbkugel ist.

 

Hier gibt es keine Straßen oder Menschen, hier gibt es einfach nur Eis. Und das ist genau das richtige, wenn man eine Pause von Covid-Nachrichten, Einschränkungen und AHA-Regeln braucht. Wir haben keinen Empfang und machen uns keine Gedanken darüber, was in der Welt gerade passiert. Wichtig sind nur dieser Moment und dieser Ausblick.

 

Strahlend weißes Eis, das sich von hier, von diesem Grenzpfeiler, bis zum Pazifik erstreckt, wo die Gletscher ins Meer kalben. Das reinste Weiß, das ich je gesehen habe. Weder meine Augen noch meine Kamera wissen mit diesem Weiß etwas anzufangen.

Man ist im Nirgendwo und auf seltsame Weise noch viel mehr im Überall als an anderen Orten.

 

Während wir von einem Aussichtspunkt zum nächsten wandern und hüpfen, können wir nie ganz sicher sein, ob wir uns gerade auf chilenischem oder argentinischem Territorium befinden. Aber wen interessiert das in diesem Moment schon?

 

Im weißesten Weiß lösen sich Grenzen auf.

Wir verbringen den ganzen Tag in einer liebevollen Umarmung mit dieser unberührten Landschaft.

 

Der Rückweg

Nach einer weiteren, noch stürmischeren Nacht im Luxus-Hotel machen wir uns auf den Rückweg.

Im Gegensatz zum Hinweg vergehen Stunden und Kilometer heute wie im Fluge.

Am Tambo fallen wir uns erleichtert in die verschwitzten Arme. Nur noch eine Stunde bis zur Gendarmería, und der Weg ist von nun an klar ersichtlich.

 

Die Freude ist auch von Seiten der Grenzpolizisten riesig, als sie uns wiedersehen und Gewissheit haben, dass alles gut lief.

Wir teilen unsere Erlebnisse mit ihnen und erläutern, wo noch Markierungen vorhanden sind.

Der Suboficial fragt, ob wir eine Extrarunde im Wald beim Tambo gedreht haben. Denn dort habe er frische Spuren entdeckt.

Wir bejahen und erzählen, wie wir uns verlaufen haben.

Der Suboficial lacht erleichtert auf, er hatte schon befürchtet, die Spuren seien von Chilenen, die illegalerweise die Grenze passierten, um Tiere zu schmuggeln.

Der Gendarmería entgeht nichts! Und schon gar nicht frische Spuren auf dem unberührten Waldboden.

 

Wir zelten erneut im bekannten Wald, genießen einen windstillen Sonnenaufgang am See und machen uns nach dem Frühstück auf in Richtung Südufer.

Der Weg kommt uns aufgrund seiner guten Beschaffenheit und der vielen Markierungen nun wie ein ausgetrampelter Pfad vor.

 

Den ersten Menschen allerdings begegnen wir erst wieder am Campingplatz, wo wir am frühen Nachmittag ankommen.

 

Das Beste am Ankommen in der Zivilisation?

Wir lassen uns ein eiskaltes Bier schmecken und verwöhnen unsere schmerzenden Körper mit einer heißen Dusche.

 

Der Luxus der gewöhnlichen Dinge

 

Schon allein dafür lohnt es sich, immer wieder einen Schritt aus der eigenen Komfortzone zu treten:

Man lernt, die sonst selbstverständlichen, als Kleinigkeiten abgetanen Dinge zu schätzen.

Eine Dusche, ein Bett, ein warmes Essen, das nicht aus der Tüte kommt – dieser Luxus reicht völlig aus, um glücklich zu sein!

 

Verschwitzt, verdreckt & stinkend kehren wir zurück in die Zivilisation und feiern unseren Wandererfolg mit einem kalten Bier - Luxus pur!
Verschwitzt, verdreckt & stinkend kehren wir zurück in die Zivilisation und feiern unseren Wandererfolg mit einem kalten Bier - Luxus pur!

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