Von Nostalgie und intelligenten Frauen

Freitagabend in Buenos Aires. Nach der Arbeit habe ich noch keine Lust, nach Hause zu gehen und schlendere ziellos durch die Straßen. Es ist Anfang Juni, mild, aber die Luft riecht nach Winter. Die Bars füllen sich, Kollegen und Freunde treffen sich auf ein „2 für 1“ Feierabendbier.

 

Ich lasse mich treiben und entdecke einen ruhigen Innenhof, der an einen Antiquitätenmarkt grenzt. Auf einer grünen Bank räkelt sich eine Katze. Sie schaut mich aus verschlafenen Augen an und fordert „mimitos“, Streicheleinheiten. 


Nebenan unterhält sich eine ältere Dame mit zwei Männern. Irgendetwas an ihr weckt mein Interesse. Sie sieht interessant aus.

Ich stelle mir ihr Leben vor, was sie gesehen hat. Ich denke an die Bücher argentinischer Geschichte, die ich studiert habe. Sie hat das gelebt. Erlebt, durchlebt. Ich muss mit dieser Frau sprechen. Sie verabschiedet sich mit Küsschen von den Herren und kommt zielstrebig auf mich zu. Hat sie meine Gedanken erraten?

 

 

Sie ist klein, geht vornübergebeugt und mit einer Ruhe, die man nur dann erreichen kann, wenn Zeit kein Rolle spielt. Woher weiß man, ob die Zukunft hinter einem liegt?


Sie ist adrett gekleidet. Rot angemalte Lippen begrüßen mich auf die für Buenos Aires so typische Art – mit einem Witzchen. „Du bist sicher hier, um Antiquitäten zu bestaunen, oder?“ Dabei zeigt sie mit einem stolzen Augenzwinkern auf sich selbst. Wir kommen ins Gespräch.

 

Sie führt mich zu einem Tisch und bittet mich, auf dem danebenstehenden Schaukelstuhl Platz zu nehmen. Ein kurzer kritischer Blick meinerseits: Der Schaukelstuhl scheint sich beim bloßen Anschauen in Staub aufzulösen. Aber er hält stand.

 

An diesem Tisch verkauft sie jeden Montag, Dienstag und Freitag selbstgezeichnete Postkarten, die sie mir stolz zeigt. Unter jede Postkarte ist ein Zweizeiler geschrieben. Weise Worte von wichtigen Menschen, wie sie mir erklärt. Es finden sich unter anderem Zitate von Oscar Wilde, Jorge Luis Borges oder etwa von ihr selbst. Sie liest mir vor und ich kommentiere das Gehörte. Wir verlieren uns in einem Buenos Aires, das so nicht mehr existiert. Schweifen ab, reisen mit den Zitaten um die Welt und durch die Zeit.

 

Sie lächelt mich an und sagt, ich sei eine intelligente Frau. „Ich merke wenn jemand intelligent ist, denn ich selbst bin es auch.“ Sie hält mir einen Vortrag über die Bedeutung von Intelligenz. Nur mit Intelligenz komme man im Leben weiter. Ein Glück seien die meisten Frauen intelligent. Wir hätten beide sehr viel Glück, Frauen zu sein.

Sie erzählt mir Anekdoten aus ihrem Leben. Am wichtigsten ist für die Selbstbestimmung. So wählte sie vor vielen, vielen Jahren einen Mann aus – so sagt sie es mir: auswählen. Er wollte sie nicht sofort, sie kämpfte um ihn. Sie heirateten. Bekamen vier Kinder. Waren lange Zeit glücklich. Hatten alles, was zum Leben gehört. Außer Scheidung. Die kam dann aber ein paar Jahre später – weil sie es so bestimmte. „Man muss sich im Leben auch mal scheiden lassen. Das sagst du deinem Freund aber nicht, das ist ein Geheimnis zwischen uns beiden.“

 

Ihr Fazit: Wenn man eine Frau und dazu noch intelligent ist, bekommt man alles, A-L-L-E-S, wenn man nur wirklich will. Darin liegt also die Intelligenz einer jeden Frau – dass sich die Welt nach ihrem Willen richtet.

 

Wir widmen uns wieder den Postkarten. Ich solle mir alle Zeichnungen in Ruhe ansehen, ohne Verpflichtungen. Ich müsse keine Postkarte kaufen, denn sie habe heute schon eine verkauft. „Das reicht, was will man mehr?“

 

Später frage ich sie, ob ich ein Foto von ihr mache dürfe. „Oh, sehr gerne. Aber bitte warte noch kurz, ich muss mir unbedingt davor die Haare kämmen.“ Sie sucht minutenlang den Kamm in ihrer Handtasche und flucht, dass man in „diesen Dingern“ nie etwas finde. Dann schaut sie mich ein paar Sekunden lang an und gesteht, vergessen zu haben, was sie suchte. Schließlich findet sie ihren Kamm, macht sich ausgiebig die Haare zurecht und lächelt sanft in meine Richtung. Ich drücke auf den Auslöser und zeige ihr das Foto. Begeistert rutscht sie auf ihrem Stuhl herum, das sei ja eine wirklich hervorragende Aufnahme, denn man sehe keine Falte auf ihrem Gesicht. Zum Abschied gebe ich ihr mein Wort, dass ich wieder einmal an ihrem Tisch mit den selbstgezeichneten Postkarten vorbeikommen und ihr das ausgedruckte Foto mitbringen werde.

 


In diesem alten Gemäuer auf diesem alten Schaukelstuhl im Gespräch mit dieser alten Frau habe ich selbst ganz die Zeit vergessen. Ich bin mit ihr und den Worten von Borges abgetaucht und die Welt stand still für eine Stunde.

 

Als ich mich im hektischen Feierabendtreiben der Calle Florida wiederfinde, erscheint mir die Stadt noch lauter und chaotischer als sonst. Für einen kurzen Moment (der etwa fünf Blocks anhält) gehe ich entspannt lächelnd und mit gemächlichen Schritten durch diese verrückte Welt.  


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Kommentare: 2
  • #1

    Linda (Montag, 12 Juni 2017 02:20)

    Sehr sehr schön geschrieben und wie immer wunderbar in Bildern festgehalten. Danke

  • #2

    Argentinien24/7 (Montag, 12 Juni 2017 04:10)

    Liebe Linda, danke für deinen netten Kommentar :-)

 

 

 

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