Calle Florida – Einkaufsparadies, fliegende Händler und „change money“

Die Florida Straße im Zentrum von Buenos Aires ist nicht gerade die Anlaufstelle für Ruhe- und Erholungssuchende. Doch ein Besuch lohnt sich allemal – und wenn es nur darum geht, die Stadt aus der Vogelperspektive zu betrachten und die persönliche Liste der Skurrilitäten dieser Welt zu erweitern…

Lange Zeit war die Florida Teil meines täglichen Arbeitsweges - wie für so viele Porteños. Sich einen Weg durch das Chaos zu bahnen ist gerade zu den Stoßzeiten morgens und nachmittags eine Herausforderung. Ich schrieb damals folgendes in mein Notizbuch:

 

„Ich sollte versuchen, nicht so schnell wie die anderen zu gehen. Mir bewusst machen, was da geschieht. Es ist ein kaum zu überblickender Wurm aus Menschen, der sich da seinen Weg durch die Florida schlängelt. Es erstaunt mich, dass ich immer eine Lücke finde, um meinen eigenen Weg zu gehen. Jeden Tag findet sich dieser Weg durch die Aussichtslosigkeit. Es fühlt sich auch besser an, wenn ich mich damit offen konfrontiere und nicht gesenkten Blickes durch die Lücken husche. Das Chaos ist da, sich des Chaos bewusst werden, es auf seine Seite zu ziehen, das könnte man schon fast wieder als Kunstgriff bezeichnen. So fügen sich langsam einzelne Teile trotz verschiedenartiger Form, Ecken, Rundungen, zusammen, verschmelzen zu einer sonderbaren uneinheitlichen Einheit.“

Buenos Aires ist größtenteils im Schachbrett angeordnet und wird von zwei großen Avenidas unterteilt: Av. la Plata teilt Buenos Aires in Ost und West, Av. Rivadavia in Nord und Süd. Alle Straßen, die auf diese Avenidas treffen, ändern dort ihren Namen.

Im geschäftigen Treiben des Zentrums, wo die Perú Straße auf die Av. Rivadavia trifft, beginnt die Calle Florida. Die Einkaufsstraße ist etwa einen Kilometer lang und endet auf der schönen Plaza San Martín im Stadtteil Retiro, die vor allem im Sommer, wenn die Jacaranda- und Florettseidenbäume blühen, zu einer Pause im Schatten einlädt.

 

Shoppingmeile, Fußgängerzone und Schwarzmarkt in einem – das ist die Florida Straße.

Kurz vor Weihnachten geht es hier besonders bunt zu. Wer keine Weihnachtsgeschenke, Elektroartikel oder Kleidung sucht, wer also nicht darauf hofft, etwas finden zu müssen, sondern zum Vergnügen hier ist, der kann bei einem Spaziergang neben wunderschönen Gebäuden auch allerlei Kuriositäten entdecken.

Unterwegs auf der Calle Florida

Ich starte einen Selbstversuch und gehe die Florida aufmerksam bis zur Plaza San Martín und wieder zurück. Bereits nach den ersten Metern werde ich angehalten:

 

„Hallo Blonde, stets zu deinen Diensten“, begrüßt mich Mauricio, dessen Nummer ich unter dem Zusatz „arbolito“ in meinem Smartphone gespeichert habe. Seine Worte sind keineswegs eine sexuelle Anspielung, obwohl es für Außenstehende vielleicht so klingen mag.

„Stets zu deinen Diensten“, das ist Mauricios Beruf. Er ist arbolito, Geldwechsler. Wie viele andere steht er den ganzen Tag auf der Florida herum und schreit sich die Seele aus dem Hals: „Change money, cambio. Ich zahl mehr, cambio. Dollar, Euro, Reales, change.“

Wenn ich Geld wechseln will, schreibe ich Mauricio eine SMS und wir machen einen Treffpunkt und den Wechselkurs aus. Das Geschäft mit den arbolitos ist nicht wirklich legal, wird aber von allen, auch der Polizei, stillschweigend akzeptiert.

Heute muss ich Mauricio enttäuschen. Ich habe keine harte Währung für ihn.

Sexspielzeug & Haarverlängerung

Mauricio ist natürlich nicht der einzige arbolito. Diese stehen hier dicht an dicht und das „change money“ Echo hallt durch die gesamte Straße. Fast genauso oft trifft man auf Touranbieter, die ihre Schilder lustlos nach oben halten. Angeboten werden meist Tango Shows und Kurztrips ins Tigre Delta. Die Verkäufer sind größtenteils Brasilianer und brasilianische Touristen offensichtlich ihre Zielgruppe. Aus diesem Grund wurde mir auch noch nie eine dieser Touren in der Florida aufgedrängt.

 

Alle hundert Meter sieht man Schuhputzer am Straßenrand auf Kundschaft warten. Vor fast jedem Laden und an jeder Straßenecke werden dem Passanten Flyer mit Angeboten und Rabatten in die Hand gedrückt, was das chaotische Verkaufs-Kaleidoskop perfekt macht.

Heute habe ich mir vorgenommen, alle Flyer anzunehmen und am Ende zu schauen, was alles möglich ist auf der Florida.

Als ich wieder zu Hause bin, spiegelt das Innere meiner Handtasche das quilombo – das Chaos – der Einkaufsmeile wider.

Unter anderem finden sich dort Angebote für:

  • „2 für 1“ Burger sämtlicher Fastfoodketten und Restaurants
  • einen Crash-Kurs „Pc verstehen“
  • PC und Tablet Reparaturen
  • Parfümproben
  • Smartphones, inklusive rosaglitzernder Einhorn Schutzhülle
  • Massagen
  • Haarverlängerung
  • Unterwäsche
  • Sexspielzeug
  • Schuhreparaturen
  • Yoga- und Meditationskurse
  • Beautyprodukte
  • Rechtsberatung

Auch wenn es in der Straße einiges zu entdecken gibt, sollte man nicht vergessen, den Blick ab und an nach oben zu richten. Denn in der Florida stehen viele prunkvolle Gebäude, Zeitzeugen der Belle Époque, als Buenos Aires sich stolz „Paris Südamerikas“ nannte.

 

Besonders bekannt und auf jeden Fall einen Besuch wert sind die Galería Güemes und die Galerías Pacífico.

Galería Güemes (Florida 165 / San Martín 170)

Das Gebäude mit seinen 14 Stockwerken wurde von dem italienischen Architekten Francesco Gianotti geplant und 1915 eingeweiht. Sein Name ist eine Hommage an den argentinischen Unabhängigkeitskämpfer Martín Miguel de Güemes.

Antoine de Saint-Exupéry lebte während seines 15-monatigen Buenos Aires Aufenthalts im 6. Stock der Galería Güemes, wo er auch seinen Roman Nachtflug schrieb.

Nach einem Brand in den 70er Jahren musste die Einkaufspassage größtenteils neu errichtet werden. Neben einigen Geschäften und Cafés beherbergt die Galería Güemes einen Saal für Tango Shows (Piazzolla Tango) und einen der wenigen Aussichtspunkte, von wo aus man Buenos Aires von oben genießen kann. Der Mirador kann von Montag bis Freitag 15-18 Uhr besucht werden, Eintritt: 100 Pesos (Dezember 2018).

Galerías Pacifico (Ecke Florida und Av. Córdoba)

Das Gebäude wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und verdankt seinen Namen der damals dort ansässigen britischen Firma Ferrocarril Buenos Aires al Pacífico. Diese betrieb eine Bahnlinie, die Argentinien mit Chile und dem Pazifischen Ozean verband. Für einige Zeit war es auch Heimat des Museums der Schönen Künste, das sich heute im Stadtteil Recoleta befindet.

 

1945 wurde das Gebäude restauriert und umgebaut. Unter anderem entstanden in dieser Zeit die beeindruckenden Fresken rund um die neu erbaute Kuppel, die bei einem Besuch der Galerías sofort ins Auge stechen. Künstler wie Lino Enea Spilimbergo, Antonio Berni, Juan Carlos Castagnino, Manuel Colmeiro und Demetrio Urruchúa verliehen dem „Muralismo argentino“ eine neue Bedeutung und bis heute gehören die Fresken zu den bedeutendsten der argentinischen Hauptstadt.

 

Einige Jahre später wurden alle Büros ausgelagert und das Gebäude stand lange Zeit leer. Während der letzten Militärdiktatur (1976-83) wurde die verlassenen Kellerräume als geheimes Haft- und Folterzentrum genutzt.

 

Unter Carlos Meném wurden die Galerías Pacifico privatisiert und zu einem exklusiven Einkaufszentrum umfunktioniert.

Von der Florida aus erreicht man fußläufig weitere Sehenswürdigkeiten wie die Plaza de Mayo mit der Catedral und dem Cabildo, die geschichtsträchtige Avenida de Mayo oder den Obelisken, eines der Wahrzeichen von Buenos Aires.

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