Jahresrückblick 2020: im Kleinen das Große entdecken

Das Echo des Jahres 2020 wird noch lange in uns nachhallen. Es war alles andere als ein schönes Jahr, und man möchte am liebsten das typisch argentinische Schimpfwort in den feuerwerklosen Nachthimmel schreien, dem ein mendozinisches Weingut einen Champagner gewidmet hat: 2020 LPQTP!

Nimmst Du Dir trotz allem Zeit für einen persönlichen Jahresrückblick, einen Moment des Innehaltens und Revue passieren Lassens? Ich habe das gestern Abend gemacht, nicht wie geplant im Flieger, sondern vor dem Weihnachtsbaum.

Kleine Alltags-Freuden im Corona-Jahr 2020: Mate zum Sonnenaufgang in den Bergen
Kleine Alltags-Freuden im Corona-Jahr 2020: Mate zum Sonnenaufgang in den Bergen

Es tut uns leid. Ihr Flug wurde storniert.

Die Reisetasche steht ebenso vollgepackt wie nutzlos in der Ecke. Argentinien war zum Greifen nah. Aber es ist das Jahr 2020, das Jahr, in dem wir lernen mussten, dass nicht alles nach unseren Köpfen läuft.

Ich ahnte es bereits, doch als ich am 25. Dezember, vier Tage vor Abflug die Nachricht erhielt, dass mein Flug storniert wurde – der zweite Transatlantikflug in diesem Jahr – da fühlte es sich anfangs doch an wie ein Schlag ins Gesicht. Zum zweiten Mal in diesem Jahr machten die Grenzen ihrem Namen alle Ehre, zum zweiten Mal konnte ich nicht von der einen Heimat in die andere.

Dieses Leben in zwei Welten, wie lange geht das überhaupt gut?

Mittlerweile ist der erste Schock verdaut. Den 29. Dezember verbrachte ich nicht wie geplant im engen Flugzeug, sondern auf einem mit frischem Pulverschnee bedeckten Berg, den weiten Blick übers Land genießend.

Den 29. Dezember verbrachte ich nicht wie geplant im Flugzeug nach Buenos Aires, sondern in den Bergen
Den 29. Dezember verbrachte ich nicht wie geplant im Flugzeug nach Buenos Aires, sondern in den Bergen

Im Schatten der Pandemie

Manche Veränderungen kommen wie ein Knall, unerwartet und über Nacht. Das Jahr 2020 war geprägt von zahlreichen solcher Veränderungen. Die Pandemie wirft einen tiefschwarzen Schatten über die letzten Monate, und wird uns noch lange über den Jahreswechsel hinaus begleiten. Wir sind es nunmehr gewohnt, täglich von Zahlen, hinter denen sich Menschenleben verbergen, bombardiert zu werden, wenige bis keine sozialen Kontakte zu pflegen, in maskierte Gesichter zu blicken, uns die Hände wund zu desinfizieren und höflich auf die Abstandsregel hinzuweisen, wenn die Aerosole des Reihenhinteren an der Supermarktkasse wiedermal den eigenen Nacken befeuchten.

April 2020: Leere Straßen in Buenos Aires
April 2020: Leere Straßen in Buenos Aires

Wir mussten viel entbehren in diesem Jahr.

 

Angstgefühle, Sorgen, Einsamkeit und der Blick in ein ungewisses Morgen begleiteten uns, und werden uns weiter begleiten. Wir wurden angehalten, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Etwa die eigene Gesundheit, und die der Liebsten. Solange wir gesund sind und keinen geliebten Menschen verloren haben, können wir uns glücklich schätzen. Trotzdem war und ist die Situation eine Herausforderung für jeden einzelnen.

Umso wichtiger scheint es mir, am Ende des Jahres auch noch einmal die schönen Momente zu beleuchten, und dankbar dafür zu sein, dass wir sie erleben durften.

Februar 2020: ein paar Fotos schießen, während die Reiseteilnehmer friedlich schlafen
Februar 2020: ein paar Fotos schießen, während die Reiseteilnehmer friedlich schlafen

Reisefreuden 2020

Das Jahr 2020 begann für mich im wunderschönen Malargüe mit einem asado ohne Beilagen, einem saftigen Strafzettel wegen Fahrens ohne Licht bei Tag und einem weiteren wegen illegaler Einfuhr eines Apfels in die Provinz Mendoza. Kurz darauf feierte ich das Wieder-ein-Jahr-älter-Werden in natürlichen heißen Quellen im Niemandsland zwischen Argentinien und Chile. Das Februar-Highlight war eine Patagonien-Reise mit einer wunderbaren Reisegruppe und perfektem Wetter. Im März erfüllten wir uns einen viele Jahre gehegten Traum: Die 5-Lagunen-Traverse im Nahuel Huapi Nationalpark, wo ich meiner Höhenangst bei technisch nicht ganz einfachen Auf- und Abstiegen stolz den Mittelfinger zeigte. Als der Nationalpark evakuiert wurde, und alle Wanderer schon abgestiegen waren, schenkte uns der Hüttenwirt ein letztes Sternenmeer und 800 Sonnenaufgänge.

Als ob er gewusst hätte, dass das für die nächsten Monate reichen müsste.

Ausgangssperre & Rückkehr nach Deutschland

Während der 5-monatigen Ausgangssperre, die für mich Ende August mit einem Sonderflug nach Europa, für die Argentinier hingegen erst Anfang November offiziell endete, wurden Kleinigkeiten, die wir sonst häufig nicht einmal wahrnehmen, besonders groß.

Sonnenschein und Regentropfen auf der Haut spüren, den Duft der Grünstreifen tief einatmen, die kurze Konversation im Supermarkt, das Lächeln eines fremden Passanten unter der Maske.

 

Das großartigste Gefühl des ganzen Jahres war es vielleicht, nach diesen 5 langen Monaten in Deutschland im noch sommerlichen Rasen zu liegen und in den Himmel zu blicken, der vor Blau und Freiheit nur so strotzte.

 

Seit September bestand meine Hauptaufgabe darin, die Wälder meiner Heimat zu erwandern, und am Wechsel der Jahreszeiten teilzuhaben. Ich habe während dieser ganzen Stunden im Freien bei Wind und Wetter nie vergessen, wie es sich anfühlte, in der Wohnung eingesperrt zu sein und von draußen zu träumen.

Und ich habe gelernt, dass man mit einem scharfen – und liebevollen – Blick fürs kleinste Detail überall sein Patagonien finden kann, auch in den nebelverhangenen Mischwäldern, die für meine Heimat so typisch sind.

Raus in die Natur: schöne Momente im von Corona geprägten Alltag
Raus in die Natur: schöne Momente im von Corona geprägten Alltag

Jahresrückblick 2020: Zeit für...

Seit Jahren habe ich nicht mehr so viel Zeit mit meiner Familie verbracht. Meine kleine Nichte erinnert mich regelmäßig daran, die Welt wieder aus Pippi-Langstrumpf- und Lotta-aus-der-Krachmacherstraße-Augen zu betrachten. Ich habe Pferde, Katzen und Hunde gestreichelt, wie ich es mir auf dem Flug nach Deutschland gewünscht hatte. Ich habe mit meinen beiden allerliebsten Allgäuerinnen sämtliche Berge, zumindest zu 7/8 bestiegen, und hatte dabei so unglaublich viel Zeit für eben jene Menschen, die einen festen Platz in meinem Herzen haben, und die ich in den letzten Jahren oftmals nicht mehr als einen Tag sehen konnte. Weihnachtszauber im engsten Kreis der Familie, auch das gab es seit vielen Jahren nicht mehr.

Zwischen den Wolken, über den Wolken, unter den Wolken
Zwischen den Wolken, über den Wolken, unter den Wolken

2020: Legalisierung von Abtreibungen in Argentinien

Während ich durch die stillen Wälder Süddeutschlands streifte, war auf den Straßen in Buenos Aires die Hölle los. Der Tod von Fußball-Legende Diego Armando Maradona ließ alle das Virus für ein paar Tage vergessen. Die Menschenmassen bahnten sich einen Weg zur Casa Rosada, um Abschied vom "Gott der Herzen" zu nehmen.

Rund einen Monat später herrschte wieder Chaos in den Straßen der Hauptstadt, allerdings aus einem erfreulichen Grund: Am 30. Dezember stimmte der Senat für die Legalisierung von Abtreibungen bis zur 14. Schwangerschaftswoche. Die Kosten dafür werden vom öffentlichen Gesundheitssystem getragen. Präsident Albert Fernández betonte, dass es um den Schutz der Frauen gehe, da Abtreibungen sowieso stattfänden. Ausgegangen wird von 370.000 bis 520.000 heimlichen Abtreibungen pro Jahr, bei denen häufig gepfutscht wird. Das soll nun bald passé sein. Der Entscheidung geht ein jahrelanger, unerbittlicher Kampf, insbesondere der argentinischen Frauenbewegungen, voraus.

Zeit zum Innehalten und Durchatmen in den Bergen
Zeit zum Innehalten und Durchatmen in den Bergen

Noch einmal zurück zu meinem 2020: Die letzten 12 Monate waren bei Weitem nicht so grandios wie das Jahr 2019, das von solch einzigartigen Momenten wie der Veröffentlichung meines Buches geprägt war.

Doch auch 2020 kommt eine beachtliche Anzahl schöner Momente und Erlebnisse zusammen.

 

Wie geht es weiter?

 

Es gibt kaum Pläne für 2021. Wenn es wieder möglich ist, werde ich nach Buenos Aires fliegen und hoffen, nicht den ganzen Winter wieder eingesperrt zu sein.

 

Ein weitere Plan ist natürlich: gesund bleiben.

Das ist alles. Und das ist schon eine ganze Menge.

 

Bleib auch Du gesund!

 

Wofür bist Du dankbar in diesem Jahr?

2020: unerwartet viel Zeit in der Heimat, Häusermeer gegen Berge eingetauscht
2020: unerwartet viel Zeit in der Heimat, Häusermeer gegen Berge eingetauscht

Diese Artikel könnten Dich auch interessieren:

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Frie (Donnerstag, 07 Januar 2021 08:10)

    Ola Simone,
    Dein Jahresrückblick hast du wunderschön zusammengefasst. Ja es war ein Jahr mit vielen Herausforderungen. Wir alle mussten in diesem Jahr vieles lernen was bis vor corona alles selbstverständlich war ist plötzlich nicht mehr machbar. Es wird sicherlich vieles nicht mehr so sein wie früher, aber wir müssen das neue annehmen.
    Dir liebe Simone wünsche ich, dass du bald wieder zwischen deiner 1. und 2. Heimat hin und her fliegen darfst.
    Einen lieben Gruß von Frie