Mar del Plata – hässlich Schöne

Mar del Plata, der größte Badeort Argentiniens, liegt im Südosten der Provinz Buenos Aires, 415 Kilometer von der argentinischen Hauptstadt entfernt. Die Stadt hat ihren eigenen - versteckten - Charme, den ich erst auf den zweiten Blick wahrgenommen habe. Im Sommer platzt sie aus allen Nähten. Vor lauter Sonnenschirmen sieht man den Strand nicht. Das restliche Jahr ist sie durchaus einen Besuch wert.

Wer für längere Zeit in Buenos Aires ist, muss früher oder später zu Mar del Plata Stellung beziehen. Zur Auswahl stehen: schwarz oder weiß. Man liebt die Stadt oder man hasst sie. Von den Mar del Plata Liebhabern werden Distanzen oft in Mar del Plata Reisen angegeben. Mit dem Auto von Buenos Aires nach Bariloche? 3-4 Mar del Plata Reisen. Nach Ushuaia? 7-8 Mar del Plata Reisen.

Rimini. Denke ich, als ich „Mar del Plata playas“ google. Wenn in Buenos Aires die U-Bahnen leer sind, dann wird der Strand von Mar del Plata zum Vergnügungspark. Schlange stehen, um ins Wasser zu kommen? Kein Problem für den Porteño, schließlich macht er in seiner Heimatstadt auch nichts anderes. Und hier hat er immerhin Sand unter den Füßen.

Die Zahlen sprechen Bände: Mar del Plata hat rund 860.000 Einwohner, in den Sommermonaten verdoppelt sich die Einwohnerzahl jedoch dauerhaft. Tagsüber treffen sich Sonnenanbeter am Strand, nächtlicher Anziehungspunkt sind das größte Casino Argentiniens, viele Theater und Clubs. 

 

Und ich schüttle den Kopf darüber. Denke an Rimini. Und damit verschließe ich die Stadt in einer Schublade und verstecke den Schlüssel vor mir selbst. Mar del Plata ist kein Thema mehr.

Vor ein paar Jahren entdecke ich den Schlüssel beim Aufräumen meiner inneren Argentinienkarte wieder. Frage Hernan, wie das eigentlich so ist mit diesem „Mar del“.  Etwas nicht Greifbares weckt mein Interesse. Warum nicht in eine Stadt fahren, die ich schon verurteilt habe? Dann kann ich zumindest sagen, dass ich das Monster mit eigenen Augen gesehen und mich für schwarz entschieden habe. Oder ich werde positiv überrascht…

Wir beschließen, im Herbst nach Mar del Plata zu fahren. Die Saison ist dann bereits vorbei und die Strände werden nicht von schreienden Porteños belagert.

 

Hernan ist seltsam aufgeregt, als wir im Auto sitzen und Buenos Aires hinter uns lassen. Nostalgie, Melancholie, Schmerz, Vorfreude. Ich lese einen bunten Gefühlscocktail in seinen Augen.

 

Während wir stundenlang die Ruta 2 gen Süden fahren, genieße ich die grüne Weite der Pampas. Kühe, Pferde, Störche, hier und da ein paar Estancias, Gauchos, ein Bach, der tiefblaue Herbsthimmel.

Rund 400 Kilometer später die Ernüchterung. Adios Natur, hola Mar del Plata, du furchtbar Hässliche. Im ersten Moment bin ich schockiert und sprachlos. Ich sehe das Meer. Ein Häusermeer. Ein Hochhaus klebt am anderen, kein Platz zum Atmen. Würde am liebsten sofort die Flucht ergreifen.

Wir stellen das Auto ab und gehen die Promenade entlang, zum Strand. Im Herbst sind die Strände fast menschenleer. Ein paar Wellenreiter, ein paar Menschen, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Die Betonwüste im Rücken, grabe ich meine Füße tief in den kühlen Sand, höre den vor Wut schnaubenden Wellen zu, atme die Meeresluft tief ein. Alles halb so wild. Meer ist Meer und immer schön.

Wir lassen die Skyline vorerst Skyline sein und fahren in ein Viertel, das etwas außerhalb des Zentrums liegt.

Das Mar del Plata von Hernans Kindheit.

Wo er tausende Stunden Sommer und Winter verbrachte.

Wo es die ersten schmerzhaften Stürze vom Fahrrad gab.

Wo man Freunde auf Zeit war.

Wo der Großvater den Enkeln unter dem Baum im Garten vom Krieg auf den Islas Malvinas erzählte.

Wo – ein paar Jahre später – versteckt erste Küsse ausprobiert wurden.

Wo der Vater mit seinen drei Kindern drei Bäume pflanzte zum Abschied.

Wo beim Verkauf ein Stückchen Herz am Gartenzaun hängengeblieben ist.

 

Ich mag das Viertel Caisamar von Anfang an. Keine Hochhäuser, viel Grün, viele Bäume. Die schmalen Straßen werden hauptsächlich von Hunden frequentiert. Die Stille rauscht in meinen Ohren. Dieses Mar del Plata fängt an, mir zu gefallen.

Entwicklung zum Touristenort

Mar del Plata lebt hauptsächlich vom Tourismus und der Fischerei. Es war die erste Stadt an der Küste, die an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde (1886). So war sie leicht von Buenos Aires aus zu erreichen und bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem vielbesuchten Ort herangewachsen. Zumindest für diejenigen, die sich die Zugfahrt dorthin leisten konnten.

Ein elitärer Ort, gebaut nach dem Vorbild des französischen Badeorts Biarritz, an dem sich die argentinische Oberschicht die Sonne auf den Bauch scheinen ließ.

Mit dem Peronismus entwickelte sich Mar del Plata seit den 1940er Jahren zunehmend zu einem Urlaubsort der Arbeiterklasse. Bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und der Bau zahlreicher Hotelanlagen und Ferienhäuser führte dazu, dass sich die meisten eine Auszeit am Meer leisten konnten.

In den 60er Jahren erlebte Mar del Plata einen weiteren Bauboom. Immer höher war die Devise, um sich für den Massentourismus zu wappnen.

Und das ist in etwa das Mar del Plata, das ich heute besuche. Ästhetisch nicht gerade umwerfend, aber irgendwo zwischen Hafen und Zentrum versprüht die Stadt einen ganz eigenen Charme, der sich in meinem Gedächtnis eingräbt wie ich die Füße im Sand.

Sehenswürdigkeiten in Mar del Plata

Das Microcentro, das Zentrum selbst, hat relativ wenig zu bieten. Lieblose Einkaufsstraßen mit Shoppingzentren ohne nennenswerte Attraktionen.

Die zentral gelegene Plaza Colón mit ihren prunkvollen Statuen ist eine der größten Grünflächen der Stadt und gehört zusammen mit der Rambla zu einem der touristischen Highlights. Auf der Rambla sticht  vor allem das Casino durch seine Bauweise und den schönen Arkadengang ins Auge. Dort steht auch das „Monumento al Lobo Marino“, eines der wichtigsten Symbole der Stadt. Die beiden Seelöwen repräsentieren in Stein gehauen die Präsenz der Tiere an den Stadtstränden.

Und tatsächlich: Rund um den Hafen sind Seelöwen anzutreffen, die ebenso wie die Touristen ein Sonnenbad genießen. Ein bisschen geruchsresistent muss man schon sein, vor allem beim Besuch der Seelöwenkolonie („Reserva de lobos marinos“), wo die Tiere sich die Zeit mit Siesta, Kämpfen oder der Paarung vertreiben. Die Reserva kann im Rahmen einer geführten Bootstour oder auf eigene Faust auf dem Landweg besucht werden.

Mein Tipp: Der Besuch lohnt sich vor allem in den frühen Abendstunden, wenn die Sonne hinter den Hochhäusern verschwindet und die Stadt in den schönsten Rottönen lächelt. Wir hatten hier eine seltene Begegnung mit einem Orca, der sich in Küstennähe auf die Suche nach Nahrung machte. Leider hatte ich die Kamera nicht rechtzeitig zur Hand und es war schon recht dunkel, weswegen man den Meeressäuger zwischen den Pixeln nur erahnen kann.

Am Hafen kann man übrigens hervorragend Fisch essen, was in Argentinien trotz tausender Kilometer Küste eine Seltenheit ist. Eine Spezialität ist Pulpo a la Gallega (Oktopus), ein traditionelles Gericht aus der galicischen Küche. Aber auch jeder andere Fisch schmeckt köstlich. Das beste Restaurant, in dem wir gegessen haben (Preis-Leistung), ist La Marina (Adresse: 12 De Octubre 3147).

Und wenn wir schon beim Essen sind: Allein die Churros von Manolo sind den Besuch in Mar del Plata wert. Sie sind nicht umsonst bis weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt. Gefüllt mit Dulce de Leche, Schokolade oder Pastelera, am besten noch warm genießen!

Eine schöne Flaniermeile führt entlang der Uferpromenade „Paseo Jesús de Galindez“. Wer gern etwas schneller unterwegs ist, kann sich ein Fahrrad ausleihen – ein beliebtes Fortbewegungsmittel der Stadtbewohner, weswegen es entlang der Küstenstraße Nr. 11 einen gut ausgebauten Radweg gibt. Ein schöner Ausflug mit dem Rad führt in 20 Kilometern in den Nachbarort Santa Clara del Mar, immer am Meer entlang.

Villen aus der hiesigen „Belle Époque“ und Chalets im klassischen Mar del Plata Baustil gibt es im Barrio de los Troncos zu sehen.

Die Buslinien 221, 541 und 581 bringen Dich in den 7 Kilometer außerhalb gelegenen Parque Camet, einer etwa 100 ha großen Grünanlage mit Parrillas, Fahrradverleih, einem kleinen Handwerkskunstmarkt, Schatten spendenden Bäumen und der Möglichkeit, sich beim Rugby, Hockey, Fußball oder Polo zu verausgaben.

Zu Fuß zu erreichen ist der Parque Gral. San Martín, von wo aus man einen schönen Ausblick aufs Meer und den Hafen genießt.

Wer die Stadt von oben bestaunen möchte, kann das auf dem Aussichtspunkt des Torre Tanque (Falucho 995 ; Öffnungszeiten im Sommerhalbjahr: 8-15 und 16-21.45 Uhr; im Winterhalbjahr: 8-16.45 Uhr).

Die meistbesuchten Museen sind das MAR – Museum für zeitgenössische Kunst (Adresse: Costanera Félix U. Camet und Florisbelo Acosta) und das Museum für moderne Kunst, Museo Municipal de Arte Juan C.Castagnino (Av. Colón 1189).

Mar del Plata hat außerdem ein großes Angebot an Theater, Kino, Musikveranstaltungen etc. Jedes Jahr im Frühling findet das Filmfestival „Festival Internacional de Cine“ statt (8-18.11.2018).

Langweilig wird’s also mit Sicherheit nicht. Und wer doch ein bisschen Ruhe sucht, kann den Städtetrip mit dem Besuch kleinerer Dörfer im Hinterland und an der Küste verbinden.

 

Im Schubladendenken ist Mar del Plata für mich nun weiß.

Mein Fazit: Mar del Plata ist mit Sicherheit nicht mein Reiseziel Nr. 1 in Argentinien. Trotzdem würde ich immer wieder gern hinfahren, aber nicht während der Wochen der Porteño-Invasion!

Neugierig geworden?

Anreise

Alle Wege führen nach Mar del. Es gibt Busverbindungen von fast allen größeren Städten in Argentinien.

 

Von Buenos Aires:

  • täglich mehrere Busverbindungen ab Retiro (z.B. bei Plataforma 10)
  • mit dem Flugzeug (mehrmals täglich ab EZE/AEP)

Klima & beste Reisezeit

Mar del Plata kann das ganze Jahr über bereist werden.

Temperaturen im Sommer: bis zu 40 Grad, im Winter auch mal Minusgrade. Insbesondere im Herbst + Winter gibt es häufig die sog. Sudestadas, heftige, kalte Winde, die viel Niederschlag bringen. Es wird kalt und ungemütlich und die Straßen sind oft überschwemmt.

Die Wassertemperatur beträgt im Schnitt ca. 21 Grad, Abkühlung ist also auch an heißen Tagen garantiert.

Strände

Eine Übersicht über die Strandbäder in und um Mar del Plata findest Du hier.

Die meisten Urlauber lassen sich direkt an den Stadtstränden nieder. Wenn Du Dich nicht wie eine Sardine in der Büchse fühlen willst, dann sind die Strände außerhalb der Stadt die richtige Wahl. Grundsätzlich gilt: Je weiter vom Zentrum entfernt, desto ruhiger wird’s.

Unterkunft

Wie gesagt, Mar del Plata erlebte einen Bauboom, der seinesgleichen sucht. Unterkünfte gibt es wie Porteños am Meer, in jeder Preisklasse. In den Sommermonaten unbedingt weit im Voraus reservieren. Wir waren im Carrusel Art Hostel (5 Km vom Zentrum entfernt), was ich nur empfehlen kann. Ruhige Lage, 100 m vom Strand entfernt, gemütliche Terrasse, lockere Atmosphäre, parrilla, kleine Bar.

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