Umzug auf argentinisch oder warum wir im Dunkeln sitzen


Aus Deutschland kenne ich das so: Ich finde eine Wohnung, packe meine Sachen, organisiere einen Möbeltransporter, ziehe aus, ziehe in die neue Wohnung ein, habe meist binnen kurzer Zeit Strom und Internet und die leeren Kisten werden irgendwo verstaut.

 

Das läuft in Argentinien natürlich prinzipiell auch nicht anders ab. Nur irgendwie ist gerade der Wurm drin.

 

Gefühlt zieht sich dieser Umzug nun seit einem Jahr hin. Vor eineinhalb Jahren kam Hernan mit der Nachricht nach Hause, dass von seiner Arbeit aus Kredite für Eigentumswohnungen verlost werden. Zu äußerst günstigen Bedingungen, eine einmalige Chance.

 

Im November 2015 konnten die Wohnungen besichtigt werden. Superschöne, moderne Wohnungen, lichtdurchwachsen wie selten in Buenos Aires. Klein, aber fein. Zentrale Lage. Irgendwie kein Haken zu finden. Also nichts wie los, wir haben alle erforderlichen Unterlagen zusammengesammelt – will heißen, tagelang auf irgendwelchen Ämtern Schlange gestanden – und uns für den „sorteo“, die Verlosung, eingeschrieben.

 

Nebenbei statteten wir dem Migrationsamt noch sämtliche Besuche ab, da mein Antrag auf das unbefristete Visum lief. Es waren also Monate, in denen wir viele graue Wände anstarrten, irgendwo vorsprachen, von einem Amt zum anderen geschickt wurden, weil Formular X fehlte. Im Januar 2016 sollte dann die Verlosung endlich stattfinden. Wir malten uns schon aus, wie wir die Wohnung einrichten würden. Aus Januar wurde Februar. Woche für Woche wurden wir aufs Neue vertröstet. Meine Freunde konnten das Wort „sorteo“ nicht mehr hören.

Der Februar zog sich schließlich bis April hin. Wir glaubten schon an keine Verlosung mehr, als sie tatsächlich stattfand.

 

Hernan musste allein hingehen, denn ich war wegen meines Visums auf dem Migrationsamt – wo auch sonst. Zuhause wartete der Triumphwein auf uns. Acht Bewerber auf fünf Wohnungen. Hernans Name fiel, allerdings nur im Zusammenhang mit „1. Nachrückperson“. Geknickt tranken wir in jener stürmischen Aprilnacht den Frustwein.

 

 

 

In den nächsten Wochen mieden wie das Thema Umzug oder Wohnung strikt und konzentrierten uns auf die anstehenden „Sozial-Interviews“ für mein Visum. Im August dann der Anruf – eine Person sei abgesprungen, wir könnten nun doch eine Wohnung haben: im 10. Stock. Sofort sagten wir zu und kauften den Glückswein.

Die Wohnungen sollten im September zum Einzug bereit stehen. Das altbekannte Spiel begann von vorn: September wurde zu Oktober zu November zu Dezember. Am 26.12. konnten wir tatsächlich einziehen. Genau zu dieser Zeit war ich auf Heimaturlaub in Deutschland. Es konnte ja keiner wissen, dass Dezember der neue September ist. Wobei, eigentlich hätten wir es ahnen müssen.

 

 

 

Im September und Oktober verbrachten wir die Abende damit, die Kartons für den Umzug in Supermärkten zusammenzusuchen. Es gab erfolgreiche Tage, an denen wir mit einem Stapel großer Kartons nach Hause kamen; an anderen Tagen konnten wir gerade mal ein paar Weinkartons ergattern. Am Tag meines Abflugs im November war alles in Kisten verpackt, sodass Hernan zumindest nicht das auch noch allein machen muss.

 

 

 

Ich verabschiedete mich nicht nur von ihm, sondern auch von unserer Wohnung, die ich nicht wiedersehen würde. Irgendwo dazwischen würden meine Sachen umgezogen werden. Ein seltsames Gefühl.

 

 

 

Seit Mitte Januar bin ich nun wieder in Buenos Aires. Über Nacht stieg das Thermometer von -10 Grad im winterlichen Deutschland auf schwüle 35 Grad.

 

Die letzten zwei Wochen: Die Kamera sammelt im Rucksack wahrscheinlich schon Staub an – sicher kann ich das nicht sagen, da ich sie schon lange nicht mehr in den Händen hatte. Okay, so ganz stimmt das nicht. Ab und an nehme ich sie heraus und mache das immergleiche Foto vom Balkon. Der Blick ist atemberaubend und die Wolken sehen jeden Tag anders aus.

 

 

 

Wir haben keinen Strom. Der Laptop bleibt also aus, tut auch mal gut wie ich feststellen muss. Facebook Facebook sein lassen, ich muss ja nicht immer wissen, wie sich andere gerade bei ihrem Zahnarztbesuch fühlen. Mir vorstellen, wie sich Mails ansammeln, die ich vielleicht irgendwann einmal beantworte.

 

Wenn es dunkel wird, kommt manchmal Langeweile auf. Kerzenscheinromantik und einfach warten bis es wieder hell ist, ist ja mal ganz nett. Aber eben dann, wenn ich es selbst auswählen kann und nicht dazu verdonnert bin. Der Tag muss gut durchgeplant sein: Um 20.30 Uhr wird es dunkel, was muss bis dahin noch alles erledigt werden, das ohne Tageslicht nicht gemacht werden kann?

 

Jeden Tag ruft Hernan beim Stromanbieter, mit dem hier wohl jeder schon seine speziellen Erfahrungen gesammelt hat, an. Manchmal wird er so lange in die Warteschleife gestellt, bis er aus der Leitung fliegt. Manchmal nimmt jemand ab und sagt, es sei seltsam, dass wir keinen Strom haben. Meistens wird ihm gesagt, es stünde auf der To Do Liste und würde bald erledigt werden. Einmal sagt man ihm: „Entweder habt ihr seit gestern oder seit heute Strom.“ Nein, seit gestern mit Sicherheit nicht, das wüssten wir. Und auch wenn wir heute Strom hätten, würden wir nicht anrufen und uns darüber beschweren, keinen Strom zu haben.

 

Ohne Strom scheinen die Tage mehr Stunden zu haben. Es ist nicht so, dass ich sonst immer vor dem Laptop oder dem Fernseher, den ich nicht habe, sitze. Hernan und ich sind meistens auf dem Balkon und unterhalten uns, weniger über Gott, mehr über die Welt. Trotzdem fühlt es sich jetzt gezwungen an, das zu tun, was wir immer machen.

 

Kein Strom bei Temperaturen von weit über 30 Grad bedeutet auch, kein kühles Getränk im Kühlschrank, keine frischen Lebensmittel. Keine Waschmaschine, kein Internet, kein Licht. Für Dinner im Dunkeln müssen wir in kein spezielles Restaurant gehen, das gibt es in unserer neuen Wohnung gratis. Die Wohnungen über, unter und um uns herum sind allesamt hell erleuchtet. Ja, zeigt uns nur, dass ihr Licht habt!

 

Die Tage tropfen träge schwitzend vor sich hin. Das Wasser in der Dusche läuft nicht richtig ab. Irgendwie scheint nichts so recht funktionieren zu wollen.

 

 

 

Dann plötzlich stehen Sie fast unaufgefordert vor der Tür, die Strommenschen. Fünf Minuten klick klack, irgendwo was rumgedreht, da ist die Wohnung hell erleuchtet! Was für eine Freude! Einen Monat und einen Tag hatte Hernan keinen Strom.

 

Und was machen wir am selben Abend? Wir sitzen auf dem Balkon… Glücklich in dem Wissen, dass wir das Licht anmachen und den Laptop hochfahren könnten.

 

 

 

Es geht alles langsam voran.

 

Langsam ist auch die Internetverbindung. Manchmal treibt mich das fast in den Wahnsinn, da ich von zu Hause aus arbeite und eine stabile Internetverbindung von Vorteil wäre. So suche ich mir immer wieder Internetasyl bei Freunden und in Cafés. Es gibt ja glücklicherweise Alternativen.

 

 

 

Das Bücherregal, auch so ein Thema. Das Bücherregal erhielt den Beinamen „grano del depto“ – Pickel der Wohnung. Riesig, schwer, klobig, dunkel. Hernan ließ es in einer Depriphase anfertigen. Das Regal sollte sein Inneres widerspiegeln. Ein Hoch auf den Schreiner, das ist ihm wirklich gelungen! Nun ist es in Hernans Innerem ein bisschen heller geworden und das Bücherregal wurde uns immer mehr zur Last. Hier gibt es keinen Ikea, wo man einfach schnell ein neues Regal kaufen kann und die Preise in den Möbelläden überschreiten bei Weitem unser Budget. Der grano ist jetzt seit Wochen in einer Werkstatt, wird verkleinert und gestrichen. Letzten Freitag hätte das Regal fertig sein müssen. Heute wurde uns gesagt, morgen. Wie war das noch? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

 

 

Wir schieben Kisten hin und her. Sobald das Bücherregal da ist, wird alles besser, denn fast alle Kisten sind mit Büchern gefüllt. Wenn die mal im Regal stehen, bleiben noch ein paar Kisten mit Kleidern, mehr nicht. Bis dahin leben wir mit unserer Tischkiste, der Laptopkiste, der Alles-mögliche-abstell-Kiste, der Handtuchkiste und der Kiste, auf der Kleider abgelegt werden. Denn einen Kleiderschrank haben wir auch nicht.

 

 

 

So, jetzt höre ich auf, über die Dinge nachzudenken, die (noch) nicht funktionieren und lasse den Tag mit einem eisgekühlten Getränk auf dem Balkon ausklingen.

 

Ein Prosit auf dich, Strom!

 

Buenos Aires von oben
Blick auf Buenos Aires vom Balkon

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Kommentare: 2
  • #1

    Linda (Dienstag, 07 Februar 2017 01:51)

    .. und dann kommen am Schluss diese Bilder von deiner Balkon Aussicht Komma und eigentlich sind alle bemitleidenden bzw aufbauenden halte durch Worte ein bisschen überflüssig geworden, denn das sieht wirklich atemberaubend aus. Das tägliche Wolken Foto kann ich sehr gut verstehen! Und ich freue mich natürlich für euch mit wenn irgendwann alles so funktioniert, dass ihr euch angekommen fühlen könnt. Und bald darauf vielleicht auch wirklich zu Hause...

  • #2

    Argentinien24/7 (Mittwoch, 08 Februar 2017 06:34)

    Liebe Linda, da hast Du wohl recht. Wenn wir auf dem Balkon sitzen, vergessen wir auch den Rest ;) Deswegen fühlen wir uns auch schon sehr angekommen. Liebe Grüße ins kalte Deutschland!

 

 

 

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