Caminito, La Boca – zwischen Geschichte, Tango und Touristenströmen

La Boca ist eines der bekanntesten Stadtviertel von Buenos Aires. Die farbenfrohen Wellblechhäuser füllen die Titelbilder sämtlicher Reiseführer der argentinischen Hauptstadt und sind ein beliebtes Fotomotiv. Das Viertel weckt unterschiedliche Assoziationen: Die einen denken an Tango, die anderen an Fußball oder italienische Immigranten. Bei vielen läuten die Alarmglocken: La Boca, das ist doch dieses gefährliche Viertel im Südosten der Stadt….

Ein Tangopärchen posiert vor unzähligen Kameralinsen, die Reiseleiter freuen sich über die einstündige Pause im Café und tauschen Anekdoten aus dem Arbeitsalltag aus.

 

„Best Steak in Buenos Aires“, ruft eine gesichtslose Stimme aus einem Hinterhof. Drei argentinische Gottheiten – Maradona, Evita und Gardel – winken den Besuchern vom Balkon aus zu. Ein Künstler am Straßenrand lässt sich seinen Mate schmecken, auf seinem Schoß räkelt sich zufrieden eine Katze.

 

Wenn ein Reisender sagt, er geht nach La Boca, meint er damit in der Regel, er stattet dem Caminito einen Besuch ab. Dieses kleine Sträßchen ist einer der Hauptanziehungspunkte für Urlauber in Buenos Aires. Neben kitschigen Souvenirs und teuren Lederhandtaschen ist der Caminito aber vor allem eines: Eine Reise durch die Geschichte der Stadt.

Die Republik La Boca – ein Hauch von Italien?

Während einer Gelbfieber Epidemie in den Jahren 1870/71 zogen viele Argentinier aus den südlichen Vierteln in den weniger bevölkerten Norden der Stadt, wo es weitläufige Grünflächen gab. Die leer stehenden Häuser wurden an Immigranten vermietet. Buenos Aires erlebte eine räumliche Teilung nach sozialer Zugehörigkeit: Aristokratie im Norden, Proletariat im Süden.

 

Im Hafen von La Boca begann mit der großen Einwanderungswelle im ausgehenden 19. Jahrhundert ein neues Leben für viele Europäer. Die Immigranten, hauptsächlich aus Genua, waren größtenteils arme Händler, die sich am Hafen in sogenannten Conventillos niederließen und für einen Hungerlohn arbeiteten. Conventillos sind Mehrfamilienhäuser aus Blech oder Holz. Hier lebten sie mit der ganzen Familie auf engstem Raum zusammen. Bad und Küche wurden mit den anderen Familien geteilt.

 

In den Straßen rund um den Caminito hörte man vor allem eine Sprache: Italienisch. Die Immigranten hissten nach einem Generalstreik im Jahr 1882 die genuesische Flagge in La Boca und wollten sich dadurch von Argentinien lösen. Sie setzten eine Urkunde auf, in der sie die unabhängige Republik La Boca deklarierten und schickten diese nach Italien.

Der damalige argentinische Präsident Julio A. Roca setzte dieser Idee aber sogleich ein Ende. La Boca gehörte weiterhin zu Argentinien, allerdings mit seinem ganz eigenen Rhythmus.

Die Bewohner sprachen in genuesischem Dialekt. Es wurden italienische Zeitungen gegründet und Sport- und Kulturclubs.

Wie kommt der Caminito zu seinen bunten Häusern?

Die Immigranten verschönerten ihr neues Zuhause mit übriggebliebenen Farben aus dem Schiffsbau. Eine Farbe reichte nicht aus, um ein gesamtes Haus zu bemalen, sodass die Conventillos einen kunterbunt zusammengewürfelten Anstrich erhielten. Die Gegend rund um den Caminito lag weitgehend brach, nachdem die hier verlaufende Eisenbahnlinie 1928 geschlossen wurde.

22 Jahre später beschlossen die Bewohner, darunter der bekannte Maler Quinquela Martín, der Gegend wieder neues Leben einzuhauchen.

 

Die Conventillos wurden neu bemalt, Skulpturen aufgestellt. Die 150 Meter lange Straße erhielt den Namen „Caminito“, eine Hommage an den gleichnamigen Tango. Künstler stellten ihre Werke am Straßenrand aus. Es war die Geburtsstunde eines bunten Freilichtmuseums.

Caminito in La Boca – ein fotogenes Freilichtmuseum

Heute ist der Caminito eine der Hauptattraktionen für Reisende aus der ganzen Welt. In kleinen Ateliers kann man Künstlern bei ihrer Arbeit zusehen, viele verkaufen ihre Werke auf der Straße. Früher wurde Tango hier in den Bordellen getanzt, heute gibt es Showeinlagen im Kostümchen für die Touristen.

 

Die Restaurantbesitzer laufen den Reisenden wild gestikulierend hinterher und versuchen sie davon zu überzeugen, dass sie nur hier die besten Empanadas der Stadt bekommen. Tango, Kunst, Farbe, Souvenirs, asado-Geruch. Argentinische Klischees drängen sich am Caminito dicht an dicht, wie einst die mittellosen Großfamilien.  

 

Eine Reise durch die Geschichte der Stadt. Im bunten Treiben zwischen Touristenströmen und lautstarken Verkäufern fällt es schwer sich vorzustellen, wie der Alltag der Menschen hier war. Doch auch das gehört zu Buenos Aires.

Ist La Boca gefährlich?

Für den Caminito gilt: Wo viele Menschen sind, steigt auch das Risiko, beklaut zu werden. Aber das ist kein Grund zur Panik. Einfach die Wertsachen im Hotel lassen und ein wachsames Auge auf Kamera, Smartphone & Co. haben.

 

Wer La Boca außerhalb des Caminito erkunden will, sollte das am besten in Begleitung eines Ortskundigen machen oder sich zumindest vorher gut informieren, welche Ecken man besser meiden sollte.  Die gängigen Touristenattraktionen wie der Caminito, die Bombonera oder das Kulturzentrum Usina del Arte sind mit dem Bus gut zu erreichen (Linien 29, 33, 64, 53, 152).

Meide das Viertel wenn möglich nach Einbruch der Dunkelheit, dann haben die Lokale rund um den Caminito sowieso geschlossen. Ich selbst lasse mich auch gerne treiben, biege hier und dort ab, ohne zu wissen, was mich erwartet. Aber man muss das Schicksal ja nicht unnötig herausfordern: In La Boca schließt man sich zu seiner eigenen Sicherheit dann doch am besten dem Touristenschwarm an.

 

Du willst wissen, welche Sehenswürdigkeiten La Boca sonst noch zu bieten hat? Dann wirf einen Blick auf den La Boca Guide.

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