Wie mein Visum den Weg zu mir fand – die Geschichte einer Odyssee

Der DNI, Documento Nacional de Identidad, ist der argentinische Personalausweis. Diesen muss man immer bei sich tragen und seine DNI Nummer kennt jeder auswendig, denn es mangelt in Argentinien nicht an Gelegenheiten, diese aufzusagen oder aufzuschreiben.

 

Es gibt viele Wege, um als Ausländer einen DNI zu bekommen. Am einfachsten ist das mit einem Arbeitsvertrag. Aber warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?

Mein DNI wird diesen Monat 2 Jahre alt und zur Feier des Tages habe ich ihm einen Brief geschrieben und ihn über seine Herkunft aufgeklärt.

Lieber DNI,

ich wünsche dir alles Gute zu deinem zweiten Geburtstag!

Du bist nun alt genug zu erfahren, wie du zu mir kamst und wo deine Wurzeln liegen.

 

Ich habe wirklich lange auf dich gewartet und alles Mögliche in die Wege geleitet, um dich endlich überglücklich in den Händen zu halten –  dabei bin ich sogar fast unter die Haube gekommen.

Hätte ich einen Arbeitsvertrag gehabt, hätten wir wohl schon viel eher zueinander gefunden. Aber das Leben ist ja kein Wunschkonzert.

Eine andere Option, um dich zu bekommen – Heiraten – kam für mich nicht in Frage.

Also wählten Hernan und ich die „light-Variante“: das Certificado de Convivencia.

Eine offizielle Bescheinigung darüber, dass ich eine feste, dauerhafte Beziehung mit einem Argentinier führe und seit mehr als zwei Jahren mit ihm zusammen in Argentinien lebe.

Es ist keine eingetragene Partnerschaft, geht aber in die Richtung. Mundartlich wird diese Bescheinigung auch Konkubinat genannt. Ich beschloss also gewissermaßen, Konkubine zu werden.

Das klang in der Theorie ganz einfach und ich hatte in meinem Übermut wohl vergessen, was es heißt, Behördengänge in Argentinien auf sich zu nehmen.

Zunächst einmal stand ein Besuch an einem meiner Lieblingsorte an: dem Migrationsamt. Hier war ich zuvor schon etliche Male als ich mein Studentenvisum beantragte. Deswegen wusste ich, dass man für Migraciones am besten einen ganzen Tag einplant und ein gutes Buch in die Handtasche steckt.

 

Vielleicht erinnerst du dich ja noch an das „Haus, das verrückt macht“ bei Asterix und Obelix? Das mit dem Passierschein A 38, den man angeblich an Schalter soundso erhält.

DAS ist Migraciones!

Zuerst reiht man sich in eine nicht enden wollende Schlange ein, um zu sagen, dass man da ist. Man bekommt einer Nummer für…? Keine Ahnung, wofür. Und stellt sich am nächsten Schalter an. Hier eine Unterschrift, da ein Stempel.

 

Während ich – wie viele andere – auf einem dieser "super bequemen" grauen Stühle saß, verließ der Mann am Schalter genügsam lächelnd seinen Platz. Keiner wusste, was los war. Eine halbe Stunde später kam er wieder mit einem Mate in der einen Hand, die andere streichelte zufrieden seinen Bauch. Er kam wohl aus der Mittagspause.

 

Als ich an der Reihe war, wurde ich woanders hingeschickt, das hier sei nicht der richtige Schalter. Wo genau ich hin musste, konnte er mir allerdings nicht sagen, war ja nicht sein Zuständigkeitsbereich.

Schließlich fand ich den richtigen Schalter, an dem mir eine mürrische Frau mitteilte, dass ein Formular fehlte…

Ein paar Tage und viele weitere Stunden Schlange stehen später hatte ich den Wisch, den ich brauchte.

Was ich außerdem noch brauchte:

Polizeiliches Führungszeugnis (braucht man IMMER in Argentinien!) – und zwar aus Deutschland und aus Argentinien –  Geburtsurkunde, Bescheinigung der Krankenkasse, Kopie meines Reisepasses (von allen Seiten, auch den leeren) und einen Nachweis darüber, dass ich seit mehr als zwei Jahren in Argentinien lebte.

Die Dokumente aus Deutschland mussten übersetzt werden und wurden nur mit Apostille akzeptiert. Das geht schnell, ist nur eine Geldfrage.

 

Außerdem musste ich eine Bestätigung meines Wohnsitzes hier in Buenos Aires vorlegen. Diese bekommt man aber nicht ohne dich, lieber DNI. Und dich versuchte ich ja zu beantragen.

Logik? Fehl am Platz.

Letzten Endes ging es auch mit einer Bescheinigung meiner Krankenkasse, auf der meine argentinische Adresse steht.

Als nächstes stand das Treffen mit einer Richterin an, die beurteilen sollte, ob Hernan und ich eine ernsthafte, dauerhafte Partnerschaft haben. Dazu mussten auch zwei Zeugen mit, die unabhängig voneinander zu unserer Beziehung befragt wurden. Verlief alles gut, wir bekamen den Stempel, den wir brauchten.

 

Ich musste auf ein weiteres Amt, wo mir – nach stundenlangem Warten – ein vorläufiger DNI ausgehändigt wurde. Mir wurde gesagt, dass ich den richtigen DNI innerhalb von drei Monaten bekommen würde. Natürlich war das nicht so.

 

Nach einem Vierteljahr musste ich aufs Amt, um den vorläufigen DNI zu verlängern.

Über ein halbes Jahr später wurden Hernan und ich zu einem „Partner Interview“ bei Migraciones eingeladen und erneut über unsere Beziehung ausgefragt.

So traurig das auch klingen mag, bei all diesen Gesprächen half mein deutscher Pass extrem. „Achso, du bist Deutsche, ja, dann geh doch bitte direkt zu Schalter X.“ Als Deutscher genießt man per se ein hohes Ansehen in Argentinien, denn in Deutschland „ist es sauber und alles funktioniert.“

 

Nach dem einstündigen Gespräch teilte uns der Beamte mit, dass aufgrund einer Gesetzesänderung das „Certificado de Conviviencia“ so nicht mehr existiert. Es heißt nun „Certificado Convivencial“ und unterliegt schärferen Richtlinien.

„Das tut mir leid, dass du das nun über dich ergehen lassen musst, denn du bist ja Deutsche und diese Änderung wurde eigentlich nur für die ‚Paraguayos‘ und ‚Negros‘ eingeführt.“

Lieber DNI, entschuldige bitte die Wortwahl, aber das war der O-Ton des Beamten. Dein Geburtsort Migraciones ist wahrlich kein Ort für Politische Korrektheit. Kannst froh sein, dass ich dich da rausgeholt habe!

Es wurde ein neues Treffen mit der Richterin angesetzt, denn das bisherige Zertifikat war über Nacht wertlos geworden. Als wir ankamen, erfuhren wir, dass wir wieder Zeugen brauchten. (Anmerkung: Davor wurde uns gesagt, das sei nicht nötig.)

Montagmorgen, 9 Uhr.

Zum Glück lag Hernans Arbeitsplatz um die Ecke.

Er stürmte ins Büro: „Wer möchte sich ein deutsches Bier verdienen?“

Zwei Minuten später stand er mit zwei strahlenden Gesichtern, die ich bisher nie gesehen hatte, vor mir. Wir stellten uns kurz vor und besprachen die wichtigsten Eckpunkte unserer Beziehung: Wo haben wir uns kennengelernt, seit wann sind wir alle befreundet usw.

 

Dann sollte ich einen Sprachtest über mich ergehen lassen. Der sah so aus: „Stell dich doch mal vor!“ Fünf Minuten später wurde ich unterbrochen, Spanisch Test bestanden. Dann wurden wir in einen großen Saal mit stuckverzierten Decken geführt und mussten auf pompösen Holzstühlen Platz nehmen, links und rechts von uns die „Beziehungszeugen“.

 

Die Richterin übernahm das Wort: „Wir haben uns heute hier eingetroffen, um Simone und Hernan blablabla.“ „Bist du sicher, dass das hier keine Hochzeit ist?“, flüsterte ich Hernan ins Ohr. Dann mussten meine neuen Freunde erzählen, wie wir uns vor vier Jahren kennengelernt hatten.

Die Richterin war überzeugt.

Ein paar Unterschriften und zwei „Ja, ich will“ später, sagte sie zu Hernan: „Du darfst deine Partnerin jetzt küssen.“

Etwas verwirrt angesichts dieser Zeremonie fanden wir uns eine Stunde später im Verkehrschaos von Buenos Aires wieder. Hernan und unsere Zeugen, denen ich nach meinem nächsten Besuch in Deutschland ein Bier mitbrachte, die ich aber seither nie wieder gesehen habe, machten sich auf den Weg zur Arbeit.

Ich mit dem Konkubinats-Zertifikat in der Hand zu meinem Lieblingsort, Migraciones. Das altbekannte Spiel: Schlange stehen, Schalter A, Schalter B, Schlange stehen, graue Stühle, Schalter Z.

Ein paar Stunden später hatte das Prozedere ein Ende: Du solltest mir binnen weniger Wochen per Post zugeschickt werden.

 

Na, rate mal?

Genau, dem war nicht so.

Anscheinend warst du abgeschickt worden, kamst aber nie bei mir zu Hause an und auf der Post konnte man mir auch keine Auskunft geben. Verrate mir bitte mal, wo zum Henker du warst!

Was musste ich tun? Erneut zu Migraciones!

Aus irgendeinem Grund waren diese aber nicht mehr zuständig und ich musste zu einem Amt im Zentrum gehen.

Schlange stehen, warten, Schalter....

Es wurde ein neues Foto von mir gemacht, dann wieder warten, dann dies, dann jenes. Dann wurde ich aufgerufen. Ich ging zum Schalter und bekam dich in die Hand gedrückt. Einfach so, ohne weitere Umschweife.

 

Du kannst dir sicherlich vorstellen, was für ein wunderschönes Gefühl das war. Ich blickte den Beamten ungläubig an: "Du gibst mir den DNI jetzt einfach so?" Selbst er schien überrascht darüber, dass das einfach so funktioniert.

Dann verließ ich schnellen Schrittes das Gebäude – nicht dass die Beamten dich doch wieder einzogen –  ging nach Hause, um dich dort genauer unter die Lupe zu nehmen.

Lieber DNI, du bist bei Weitem keine Schönheit. Die knallig roten und übermäßig großen Buchstaben „EXTRANJERO“ (AUSLÄNDER) trägst du wie ein Kainsmal mit dir herum und mein Gesicht wurde auf dem Foto so verzerrt und in die Länge gezogen, dass es der Redewendung „ein langes Gesicht machen“ eine völlig neue Bedeutung verleiht.

Aber es kommt ja auf die inneren Werte an! Und deine inneren Werte sind wirklich hervorragend: Ich darf mich legal in Argentinien aufhalten, arbeiten, ein Bankkonto eröffnen, eine Wohnung mieten, ohne meinen deutschen Pass reisen – auch in die Nachbarländer. Und im Supermarkt kann ich sogar Punkte sammeln, wenn ich brav deine Nummer, die ich natürlich längst auswendig kann, aufsage.

Bis 2031 bist du noch gültig. Das klingt nach weit entfernter Zukunftsmusik und ich kann dir absolut nicht sagen, wo du und ich dann sein werden. Sicher ist jedenfalls, dass noch viele gemeinsame Jahre vor uns liegen. Und ich verspreche dir hiermit, meinen Wohnsitz baldmöglichst umzumelden, damit du nicht weiterhin mit falschen Angaben durchs Leben gehen musst.

 

Tja, lieber DNI, nun weißt du Bescheid und jetzt lass uns anstoßen: Auf viele weitere gemeinsame Geburtstage!

Beso
deine Besitzerin

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Kommentare: 4
  • #1

    Marlies (Freitag, 07 Dezember 2018 04:12)

    Was für eine lustig erzählte Geschichte, hat mich mehrmals zum Lachen gebracht! Auch wenn es dir bei den ganzen Behördengängen wahrscheinlich nicht nach Lachen zumute war...

  • #2

    Argentinien24/7 (Freitag, 07 Dezember 2018 06:43)

    Hallo Marlies,
    freut mich, wenn ich dich damit zum Lachen bringen konnte :) Ich dachte mir damals schon, das wird wieder eine dieser Geschichten, die man sich dann später erzählt. Und heute kann ich natürlich auch darüber lachen...

  • #3

    Christin (Mittwoch, 12 Dezember 2018 00:57)

    Hast du denn jetzt immer noch deinen Deutschen Pass oder nur noch den argentinischen?

  • #4

    Argentinien24/7 (Mittwoch, 12 Dezember 2018 06:05)

    Hallo Christin,
    klar hab ich meinen deutschen Pass noch, ich bin ja weiterhin Deutsche und habe nicht die argentinische Nationalität. Ich habe lediglich eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung, was hier bedeutet, man bekommt einen DNI (entspricht dem Personalausweis) mit einem Verweis, dass man Ausländer ist.
    Viele Grüße
    Simone

 

 

 

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