Von Wind und Sand II

Halbinsel Valdés

 

 

Hallo Patagonien!

 

21 Stunden Fahrt liegen hinter uns. Hier, 1300 Kilometer südlich des hektischen Großstadttreibens folgt das Leben einem gemächlichen Rhythmus. Wolken und Erde geben sich einen Gute-Nacht-Kuss, das Meer wirkt blauer als anderswo und in der Luft liegt eine Mischung aus Ruhe und Abenteuer.

Auszeit. Für ein paar Tage erkunden wir die Peninsula Valdés. Ein paar Tage, in denen Wale und Guanakos zu unseren ständigen Begleitern werden.

 

Puerto Pirámides ist der einzige bewohnte Ort der Halbinsel. Dort kommen wir nach 80 Kilometern Schotterpiste an. Der Wind hat unsere Müdigkeit über das Meer hinweg gefegt. Mit seinen knapp 600 Einwohnern ist Pirámides nicht groß und zu Fuß schnell erkundet. Der Ort ist umgeben von schroffen Klippen, die steil ins Meer stürzen.

Das Dorf lebt vom Tourismus. In der Hauptstraße, der Avenida de Mayo, können unterschiedlichste Touren reserviert werden: Wal Beobachtungstouren, Schnorcheln mit Seehunden, Tagestouren zu den schönsten Aussichtspunkten.

Die meisten Gebäude sind Restaurants oder Unterkünfte für Reisende. Trotzdem bewahrt der kleine Ort seinen ganz eigenen Charme und ist nicht überlaufen. Abends wird es ruhig, man trifft kaum noch Touristen. Die meisten bleiben über Nacht auf dem Festland in Puerto Madryn. 

 

Die Füße tief in den weichen Sand eingegraben, sitzen wir in den Dünen und blicken auf das Meer, das sich nach und nach in Gold und Rosa kleidet und am Horizont mit dem Himmel verschmilzt. Es ist ein seltenes Schauspiel in Argentinien, man sieht nur an wenigen Orten die Sonne im Meer versinken.

Nachdem wir eine Weile in den Sternenhimmel geschaut haben, fallen wir müde in unsere Betten. Im Nachbarzimmer gibt ein betrunkener Deutscher seinen selbstkomponierten Guanako Song zum Besten. Guanaaaaaaako! Gua, Gua, Gua, Guanaaaaako!" Seine Freundin rügt ihn, er solle endlich leise sein. Ein lauter Knall. Ist er hingefallen? Ich werde es nicht erfahren, nichts kann meinen Schlaf mehr stören.

Auf den ersten Blick wirkt das Innere der Halbinsel karg und unwirtlich. Eintönige Steppe, verstaubte und von der patagonischen Sonne ausgebrannte Büsche und Sträucher. Aber es gibt viel zu entdecken: Gürteltiere, Pampahasen (Mara), Straußenvögel (Ñandú), Guanakos. Inmitten dieser beinahe farblosen Landschaft liegen kleine Salzseen, die mit ihrem stechenden Weiß und zarten Rosa eine schöne Abwechslung für die Augen sind. Der größte der Salzseen bildet mit 35 Metern unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt der Halbinsel.

77 Kilometer von Puerto Pirámides entfernt liegt der nördlichste Punkt der Halbinsel, der Aussichtspunkt Punta Norte. Dieser ist vor allem zwischen Februar und April interessant, denn in dieser Zeit kann man dort Orcas bei ihrer Nahrungssuche beobachten.

Es ist ein einzigartiges und in manchen Augen sicherlich grausames Naturschauspiel, das man dann bei Flut zu sehen bekommt: Die Punta Norte ist ein Tummelplatz für Seehunde, die hier ihre Jungen großziehen. Die Orcas haben eine einzigartige Jagdtechnik entwickelt, die die Seehunde das Leben kosten kann. Sie schwimmen mit den Wellen gefährlich nah an den Strand, schnappen sich einen noch unerfahrenen Seehundewelpen und schleudern ihn so lange durch die Luft bis er tot ist. 

Etwas ruhiger geht es weiter im Süden entlang der Bucht Caleta Vadés und dem Aussichtspunkt Punta Cantor zu. Hier gelangt man über schöne Pfade und Holzstege in den Dünen zu einer Magellan-Pinguin und Seelöwen Kolonie. Das Betreten des Strandes ist zum Schutz der Tiere verboten, aber man kann ihnen von dort oben wunderbar beim Sich-Sonnen, Dösen oder bei der Paarung zusehen. Die Pinguine haben keine Scheu und nähern sich den Menschen neugierig an.

Den südlichen Aussichtspunkt Punta Delgada sollte man vor 17 Uhr erreichen, denn sonst steht man wie wir vor verschlossenen Türen.

In Pirámides werden Wal Beobachtungstouren mit dem Boot angeboten. Zwischen Mai und Dezember sind rund um die Halbinsel zahlreiche Südkaper zu sehen. Die Wale kommen im argentinischen Sommer hierher, um ihre Jungen in den ruhigen Gewässern rund um die Valdés zur Welt zu bringen.

Auf der gesamten Halbinsel kann man die Wale schon vom Strand aus sehen, da sie sich relativ nah am Ufer aufhalten.

Wir wollen den Riesen näher sein und steigen ins Boot. Schon nach ein paar Minuten kündigt eine Fontäne den ersten Wal an, der kurz darauf aus dem Wasser auftaucht. Ich fühle mich unendlich klein. Obwohl ich ein paar Jahre zuvor in Ecuador schon Wale gesehen habe, ist es wieder ein prägendes Erlebnis. Die Wale schwimmen um unser Boot herum, tauchen auf und ab, begleiten uns. 

Die Bootstour dauert etwa eine Stunde, dann geht es für uns zurück an Land.

Am nächsten Tag gehen wir selbst ins Wasser. Es ist windstill, die Sonne brennt, das Wasser ist klar. Wir fahren mit einem kleinen Boot zu einer Seehundkolonie und tauchen ab in die Welt dieser neugierigen Säuger. Sie bewegen sich mit einer verspielten Leichtigkeit im Wasser, nähern sich uns aufmerksam, begutachten skeptisch unsere Flossen und verschwinden wieder in den Weiten des Meeres. Ich blicke in diese großen Kulleraugen und stelle mir vor, wie wir kommunizieren.

Ich könnte stundenlang im Wasser bleiben und ihnen zuschauen.

 

Vom Boot geht es in den Sattel. Zwei Stunden reiten wir am Strand entlang. Der Guide erzählt uns Geschichten aus seinem Leben und aus dem Leben seiner Pferde. Einer seiner Hunde begleitet uns und hüpft fröhlich durch das Wasser, das ruhig wie ein See vor uns liegt. Die Pferde heizen sich gegenseitig an und unser Guide gibt uns sein OK. Ich gebe meinem Pferd die Zügel und höre nur noch die Hufe über den Sand donnern. Die Pferde sind schneller als der Wind, denke ich und wünsche mir, dass der Strand niemals enden würde. 

Ein paar Kilometer von Pirámides entfernt endet der Schotterweg und man kann nur noch zu Fuß weitergehen. Wir kommen an einen schönen Strand, von dem aus man wunderbar Wale beobachten kann. Ebbe kündigt sich an. Als sich das Wasser langsam zurückzieht, gibt es den Blick auf bizarre Felsformationen frei. Was mag wohl dahinter liegen?

 

Eine halbe Stunde kraxeln wir über Felsen. Erschrockene Krebse ziehen sich schnell in ihre sicheren Sandhöhlen zurück. Da erstreckt sich vor unseren Augen ein kilometerlanger einsamer Strand. Kein Mensch hat heute den Weg hierher auf sich genommen. Da sind nur wir, der Strand ist völlig unberührt.

In dieser Einsamkeit lösen sich alle Gegensätze auf, Himmel wird zu Meer. Ich hüpfe und renne vor Glück schreiend über diesen einsamen Boden bis mir die Puste ausgeht. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein Guanako vor mir. Hypnotisiert schaut es mich an und fragt sich, welcher seltsamen Spezies ich wohl angehöre. Dann ergreift es die Flucht und wir sind wieder allein. Fast allein. Denn weit draußen im Meer begleitet uns eine Walmutter mit ihrem Kalb.

Als wir uns den Klippen nähern, kreist ein riesiger Vogel über unseren Köpfe, tiefer und immer tiefer, aufgeregt schreit er, schimpft uns, dass wir uns in sein Territorium wagen. Wir entdecken sein Nest und gehen zügig weiter, lassen ihm seine Ruhe.

 

Nach ein paar Stunden erreichen wir das Ende des Strandes – eine kleine Bucht aus Felsen. Vor dem Wind geschützt machen wir ein Picknick und trinken Mate Tee, der uns angenehm wärmt. Lange können wir uns nicht ausruhen. Der Wasserspiegel steigt und vor uns liegt ein langer Rückweg, der uns abgeschnitten werden kann, wenn wir uns nicht beeilen. In schnellem Schritt geht es zurück, das Vorwärtskommen ist anstrengend durch Sand und Wasser. Der Wind nimmt von Minute zu Minute zu, wird zum Sturm.

 

Der aufgewirbelte Sand schmerzt am ganzen Körper, dringt in jede Pore ein. Ich gehe auf der Stelle, der Wind pfeift lauthals um meine Ohren. Herrlich! Dieses patagonische Hautpeeling hat eine befreiende Wirkung. Es entschleunigt die Zeit. Was ist überhaupt wichtig? Sekunden und Minuten tanzen mit den Sandkörnern, legen ihre Arbeit lahm für den Moment. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Hier gibt der Wind das Tempo vor. Ich füge mich und genieße die Gedanken.

 

Erschöpft erreichen wir das letzte Felsstück und schließlich den kleinen Wal-Strand. Der Strand hat sich gefüllt mit Mate trinkenden Pärchen, die den Sonnenuntergang anschauen möchten, Fotografen und Naturliebhabern. 

 

Es ist unser letzter Abend in Puerto Pirámides. Morgen geht es zurück nach Buenos Aires. Hier und jetzt nehme ich den magisch-verträumten Augenblick, in dem Sonne und Meer zu einem werden, in mich auf und verspreche diesem Ort - wie so vielen - dass ich wiederkomme.

Neugierig geworden?

Transport und Unterkunft: Mit dem Bus oder Flugzeug kommt man von Buenos Aires nach Puerto Madryn auf dem Festland. Es gibt keine direkte Verbindung nach Pirámides. Von Madryn fahren täglich Busse nach Pirámides, es werden auch zahlreiche Tagestouren auf die Halbinsel angeboten. Wir waren im Hotel The Paradise. Die Doppelzimmer sind schlicht und gemütlich, die Hotelbesitzer sind sehr nett und geben viele hilfreiche Tipps. Im hoteleigenen Restaurant gibt es viele leckere Speisen, mit denen man sich für das nächste Abenteuer stärken kann. In dem kleinen Ort gibt es weitere Restaurants, in denen man hervorragend essen kann. 

Pizza mit Meeresfrüchten
Pizza auf argentinisch: Mehr ist mehr

Beste Reisezeit: Dezember bis März ist die trockenste Jahreszeit mit langen Sonnentagen. In diesen Monaten ist es weniger windig und man kann die Strände ausgiebig zum Sonnenbaden nutzen. Die Region ist wüstenartig, es regnet das ganze Jahr über selten.

 

Alle Touren können direkt vor Ort gebucht werden. Die Agenturen befinden sich in der Hauptstraße Avenida de Mayo des kleinen Ortes und sind nicht zu übersehen. Alle Touren starten auch von Puerto Madryn aus.

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Kommentare: 2
  • #1

    Linda (Mittwoch, 29 März 2017 06:55)

    Oh Sehnsucht.. wunderschön, wirklich, danke fürs teilhaben und träumen lassen

  • #2

    Argentinien24/7 (Donnerstag, 30 März 2017 06:13)

    Immer wieder gern :)

 

 

 

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