Spanisch in Argentinien - argentinisches Spanisch?

Jetzt will ich es aber mal genau wissen!

 

Ich bekomme immer wieder Mails von Reisenden, die nicht nur "irgendwie durchkommen", sondern sich mit Einheimischen unterhalten und einen Sprachkurs machen möchten.

 

Aber dann klingeln die Alarmglocken: Spanisch in Argentinien? Die sprechen doch so komisch!

 

Ist das überhaupt "richtiges" Spanisch, werde ich in anderen spanischsprachigen Ländern verstanden, wenn ich in Buenos Aires einen Sprachkurs besuche?

 

Da ich unter anderem in einer Spanischsprachschule arbeite, sitze ich natürlich an der Quelle. Also habe ich die Fragen gesammelt, die mir am häufigsten gestellt werden, und Mercedes ausgequetscht:

 

 

 

 

Mercedes, bitte stell Dich doch kurz vor!

 

Ich heiße Mercedes und habe Literatur- und Sprachwissenschaft an der Universität Buenos Aires studiert. Seitdem habe ich immer in Bereichen gearbeitet, die mit Sprache, Schreiben oder Unterrichten zu tun hatten. Seit 2011 unterrichte ich Spanisch als Fremdsprache. Ich habe auch einen Grammatikkurs für Lehrer, die Spanisch als Fremdsprache unterrichten, gegeben.

 

1. Das „argentinische“ Spanisch – gibt es das überhaupt?

Eine einfache Frage mit einer komplizierten Antwort. Das Konzept des „Argentinischen“ stammt hauptsächlich aus dem politischen Bereich, nicht aus dem kulturellen.

 

Die eigentliche Frage ist: Sind Landesgrenzen auch kulturelle Grenzen?

 

Die Unterschiede zwischen Brasilien und Argentinien sind auffällig, weil beide Länder eine sehr unterschiedliche Geschichte haben: Sie gehörten unterschiedlichen Imperien mit unterschiedlichen Gesetzen, Baustilen  und Sprachen an.

Colonia de Sacramento in Uruguay wurde von beiden Seiten umkämpft und man sieht die Unterschiede an der Bauweise im historischen Stadtzentrum.

Argentinien, Uruguay, Paraguay und Bolivien hingegen haben eine gemeinsame Geschichte. Diese Länder haben zum Teil auch eine gemeinsame Geographie (z.B. die Region Chaco, die Hochebene „Puna“) bis hin zu gemeinsamen Sprachen wie Spanisch, Guaraní, Quechua, Coya usw. Staatliche Grenzen werden dadurch zu artifiziellen Grenzen.

 

„Argentinisches Spanisch“ würde also bedeuten, dass man innerhalb des Landes eine gewisse Homogenität der Sprache und ihres Gebrauchs vorfinden würde – und das ist nicht so. Zwischen dem Spanisch, das in Ushuaia auf Feuerland und dem, das in Misiones im Nordosten Argentiniens gesprochen wird, gibt es signifikante Unterschiede.

 

Wenn nun aber die Beziehung zwischen Sprache und Land so bezeichnend ist (wie z.B. im Falle des „argentinischen Spanisch“), warum spricht man dann nicht von einem lateinamerikanischen Spanisch? So gäbe es zumindest ein kontinentales Kriterium.

In diesem Fall würde sich das Spanisch, das hier gesprochen wird, im Unterschied zum Spanisch, das in Spanien – am anderen Ende des Atlantiks – gesprochen wird, definieren: Ein Spanisch ohne „vosotros“ (2. Person Plural), mit anderem Vokabular, einer anderen Geschichte, einer anderen Kultur usw.

 

Wörterbücher

2. Ich beharre noch ein bisschen auf dem Begriff „argentinisches“ Spanisch. Immer wieder werde ich gefragt, ob man in anderen Ländern verstanden wird, wenn man „argentinisches“ Spanisch spricht. In Deutschland hält sich der Verdacht, das „richtige“ Spanisch sei das, das in Spanien gesprochen wird. Was sind die Unterschiede? Kann man von verschiedenen „spanischen Sprachen“ sprechen?

Das ist nicht eine Frage, das sind viele!

 

Zunächst würde ich sagen – und das dick unterstreichen – dass Spanisch EINE Sprache ist.

Das impliziert, dass es einheitliche Regeln gibt, die über dem Gebrauch bestimmter Dialekte und Strukturen stehen. Es gibt ein bestimmtes Vokabular, das von allen verstanden wird, bestimmte Formen und Strukturen des Dialogs und bestimmte Ausdruckformen.

In diesem Sinne ist das Spanisch, das in Argentinien gesprochen wird, nicht an territoriale Grenzen gebunden. Es wird überall, wo Spanisch gesprochen wird, verstanden.

 

Auffällig in Argentinien – und deshalb vielleicht auch die Häufigkeit der Frage – ist der Akzent bzw. die Aussprache (wobei auch diese nicht einheitlich in ganz Argentinien ist, wie ich in der ersten Frage erwähnte). Manche sagen, die Aussprache sei pittoresk, andere lachen darüber.

Ich beziehe mich vor allem auf die Aussprache in der Río de la Plata Gegend (Grenzfluss zwischen Argentinien und Uruguay).

 

Was sind also die Besonderheiten des Río de la Plata Spanisch?

Das “y“ und „ll“ werden hier wie [ʒ] gesprochen, was dafür sorgt, dass man überall sofort als Argentinier/Uruguayer erkannt wird. Ein weiterer großer Unterschied ist die Verwendung von „vos“ anstelle von „tú“ (du). Das hat hauptsächlich mit der argentinischen Geschichte zu tun, der Immigration, vor allem der Italienischen, die die Sprache verändert manche sagen bereichert hat.

 

Oft denken Ausländer, „vos“ sei dasselbe wie „vosotros“ (2. Person Plural in Spanien), aber es handelt sich hier um die 2. Person Singular. Der Unterschied wird deutlich im Indikativ Präsens und im Imperativ, in anderen Zeiten merkt man ihn nicht.

 

Dann ist da noch das berühmte „che“, das in Argentinien verwendet wird und das dem Held der kubanischen Revolution seinen Namen gab: Ernesto „Che“ Guevara. Dieses Wort kommt aus dem Guaraní, einer Sprache der Ureinwohner im Norden, die sowohl in Argentinien als auch in Uruguay und Paraguay gesprochen wird. Wir verwenden es hier in ganz unterschiedlichen Kontexten, als Begrüßung, als eine Art freundschaftliche Anrede, als Einleitung, um einer Aussage eine bestimmte (freundschaftliche, mildernde) Bedeutung zu geben usw.

 

Zum Teil werden hier auch ganz andere Wörter verwendet als in Spanien: Koffer heißt hier „valija“, in Spanien „maleta“.

 

Man könnte noch den Lunfardo anbringen, ein Jargon der Río de la Plata Gegend, der vor allem durch den Tango verbreitet wurde. Lunfardo wird heute von den Porteños (Bewohner von Buenos Aires) im gesprochenen Spanisch als eine Art Code der Komplizenschaft verwendet.

 

Man kann natürlich auch eine Gegenfrage stellen: Gehört Spanisch den Spaniern? Hat Sprache einen Besitzer? Der spanische Philologe Nebrija sagte, Sprache sei die “Begleiterin der Reichsherrschaft“.

 

Man kann ja auch in Spanien nicht nur von „einer Sprache“ sprechen – das ist Baskisch, Katalan, Galizisch, Aranesisch.

 

Was also impliziert die Frage, Spanisch zu sprechen? Es gibt eine Geschichte dahinter, eine Geschichte der Herrschaft. Dann ist da ein riesen Gebiet auf der Welt, wo auch Spanisch gesprochen wird. Bedeutet das nun, dass in Amerika eine inkorrekte Sprache oder eine Varietät einer „korrekten“ Sprache gesprochen wird?

 

Ja, die Aussprache ist zum Teil anders, variiert je nach Region, die Wörter ändern sich, es gibt überall Dialekte, die Sprache vermischt sich mit anderen Sprachen. Aber alles in allem bleibt es EINE Sprache – auch für die Real Academia Española (kurz: RAE; vergleichbar mit dem Duden).

 

Gehen wir mal weg vom Spanischen, würde man denn sagen, dass das Englisch, das in den USA, in Australien, Kanada oder Neuseeland gesprochen wird, falsch oder kein Englisch ist? Die „richtige“ Sprache ist und bleibt ein ideologisches Phänomen.

 

Nebrija hatte Recht: Die Iberische Halbinsel ist zwar die Wiege der spanischen Sprache. Aber Kinder bleiben eben keine Kinder, sie wachsen, werden flügge, werden Erwachsene.

3. Du unterrichtest schon seit vielen Jahren Spanisch und hast oft deutschsprachige Schüler. Gibt es ein Thema, das uns Deutschen pauschal schwerfällt?

Wo soll ich da nur anfangen? Haha.

Ja, ich hatte und habe viele deutsche Schüler. Ich muss zugeben, dass die Muttersprache Einfluss auf das Erlernen einer Fremdsprache hat – positiven wie negativen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man eine bestimmte Sprache nicht lernen kann.

 

Deutsch ist keine romanische Sprache wie zum Beispiel Französisch, Portugiesisch, Rumänisch, Italienisch oder Spanisch. Dadurch gibt es gewisse Unterschiede in der Struktur und im Vokabular.

 

Die Struktur und Verwendung der Vergangenheit ist sehr komplex im Spanischen. Es gibt mindestens vier Vergangenheiten (Perfekt, Indefinido, Imperfekt, Plusquamperfekt und ein paar Variationen) und jede wird mit einer bestimmten Intention in einem bestimmten Kontext verwendet.

 

Der große Unterschied zu germanischen Sprachen liegt in der Vewendung von Indefinido und Imperfekt.

In der Regel ist es für die Schüler schwierig, die Verwendung der Vergangenheiten zu lernen und sie versuchen verzweifelt, Regeln auswendig zu lernen. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich.

 

Und wenn sie das einigermaßen beherrschen, klopft auch schon das nächste Monster an die Tür: der Subjunktiv.

Dieser entspricht in manchen Fällen dem deutschen Konjunktiv, in anderen überhaupt nicht.  Das Erlernen des Subjunktivs bedeutet, sich intensiv mit Konstruktionen und Strukturen auseinander zu setzen, die typisch für die spanische Sprache sind.

Zum Beispiel sagen die Schüler normalerweise: „La ciudad de Buenos Aires tiene muchos museos y teatros. Eso me gusta” (Buenos Aires hat viele Museen und Theater. Das gefällt mir).

Dieser Satz ist grammatikalisch korrekt, ein Muttersprachler würde hier aber eine andere Struktur verwenden: „Me gusta que la ciudad de Buenos Aires tenga (das ist der Subjunktiv) muchos museos y teatros“ (Mir gefällt es, dass Buenos Aires viele Museen und Theater hat).

 

Das ist nur ein einfaches Beispiel, der Subjunktiv ist sehr komplex und scheint manchmal komplizierter zu sein als Quantenphysik.

 

Die Deutschen haben aber einen großen Vorteil: Sie kennen die Grammatik. Sie wissen, was ein Subjekt, was ein Verb und vor allem was ein Nebensatz ist. Das hilft sehr beim Lernen und Verstehen des Subjunktivs.

 

Ich könnte auch noch andere Themen ansprechen wie zum Beispiel Genus der Substantive, Kongruenz der Adjektive etc. Aber die größten Schwierigkeiten liegen doch bei den Vergangenheiten und dem Subjunktiv.

Tafelaufschrieb auf Spanisch

4. Ich lerne Spanisch an einer Sprachschule in Buenos Aires und habe das Gefühl, gute Fortschritte zu machen. Dann treffe ich mich mit Argentiniern und verstehe kein Wort. Woran liegt das?

Das ist eine alte Diskussion, die beim Erlernen von Fremdsprachen immer aktuell wird.

 

Ich bin zum Beispiel mal nach Berlin gereist. Damals konnte ich schon ein bisschen Deutsch. Während der ersten Tage kam ich mir vor wie ein Pinguin in der Wüste, ich habe kein Wort verstanden.

 

Man kann sich eine Sprache wie eine Torte mit vielen Schichten vorstellen.

Da ist zunächst der Unterschied zwischen Grammatik und gesprochener Sprache. Sprache und Grammatik basieren auf standardisierten Regeln, sind normalisiert und abstrakt. Dahingegen ist die Nutzung einer Sprache, also die gesprochene Sprache, eine konkrete und reale Situation, nämlich die der Interaktion von Personen. Das bedeutet, man benutzt bestimmte Sätze in einem bestimmten Kontext, hinzu kommen lokaler Gebrauch von Sprache, Dialekt, Stilmittel wie Übertreibung usw.

 

Das Unterrichten einer Sprache basiert auf standardisierten Modellen, die reale Interaktion aber nicht. Wenn man dann noch bedenkt, dass es viele Regionen gibt, in denen das Spanisch von anderen Regionen stark abweicht, stehen wir vor einem Problem.

 

Das Río de la Plata Spanisch unterscheidet sich größtenteils vom standardisierten Spanisch in der Aussprache, der Verwendung von Lunfardo, der Geschwindigkeit und Melodik.

Im Unterricht versucht der Lehrer natürlich, sich verständlich zu machen. Er verwendet leicht verständliche und einprägsame Wörter, spricht langsam und deutlich.

Im „realen“ Leben sind die Umstände dem quasi entgegengesetzt: Man unterhält sich mit Muttersprachlern, die kein didaktisches Verständnis haben, die Vokabular benutzen, das ihnen vertraut ist (z.B. Lunfardo) und die normalerweise sehr schnell sprechen.

 

Deswegen empfehle ich meinen Schülern immer, sich nicht auf dem Spanisch, das sie im Unterricht lernen, auszuruhen, sondern auch Radio zu hören und fernzusehen, damit sie sich mit dem realen Gebrauch der Sprache hier auseinandersetzen und sich damit vertraut machen.

 

Alles in allem ist und bleibt es doch Spanisch, mit den Regeln, die sie im Unterricht lernen.

Tafelaufschrieb, Fragen auf Spanisch

5. Was ist Lunfardo?

Wie ich schon erwähnt habe, ist Lunfardo im Grunde ein Jargon mit Ursprung in der Immigration. Aber das ist ein komplexes Thema.

 

Zum Lunfardo zählen zum Beispiel auch Wörter der Ureinwohner, wie „che“, das seinen Ursprung im Guaraní hat, und Neologismen – natürlich auch viele Wörter, die ganz klar von den Einwanderern geprägt wurden.

Auf Spanisch heißt arbeiten „trabajar“,  auf Italienisch „lavorare“. Hier wird häufig „laburar“ anstatt „trabajar“ verwendet.

 

Lunfardo entstand in den unteren Gesellschaftsschichten und Gefängnissen und verbreitete sich mit dem Tango. Heute  findet man Lunfardo auch viel in Rock- und Popsongs, in der Literatur etc.

Man mag vielleicht denken, Lunfardo sei veraltet, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil, er ist weit verbreitet, wird über die Generationen weitervererbt und verändert. 

 

Oft ist es auch interessant, den Ursprung der Wörter zu verfolgen. Das Wort „bondi“ ist ein gutes Beispiel:

Bus heißt auf Spanisch „colectivo" (in Argentinien), hier hört man aber oft „bondi“. Dieses Wort kommt aus dem brasilianischen Portugiesisch, einer Sprache, deren Wörter nicht mit einem Plosiv (Verschlusslaut) enden. Die Engländer gründeten dort das Eisenbahnunternehmen „Bond". Dieser Name war unaussprechbar, sodass die Einwohner ihm den Spitznamen „bondi“ gaben – und so kam der „bondi“ schließlich an den Río de la Plata geschippert.

Fluss Rio de la Plata, Argentinien

6. Viele Schüler fragen, wie lange es dauert, bis sie perfekt Spanisch sprechen. Deine Antwort?

Was ist „perfekt Spanisch“?

Wenn perfekt Spanisch sprechen bedeutet, dass man jede Regel der RAE korrekt anwenden und befolgen muss, dann sprechen nicht einmal die Muttersprachler perfekt Spanisch.

 

Ich komme noch einmal auf die Verwendung  von Sprache zurück.

Die gesprochene Sprache ist voller Wörter, Sätze und Formulierungen, die mit den Regeln der Perfektion brechen.

Wenn wir also davon ausgehen, dass “perfektes Spanisch” bedeutet, auch mit den Regeln zu brechen und zu wissen, wann und wo das möglich ist, ohne dabei schwerwiegende Fehler zu machen, wenn wir einen Text schreiben oder uns unterhalten und der Rezipient nicht nur das versteht, was wir sagen, sondern auch das, was wir sagen wollen  – wenn wir also von einem Kriterium der Akzeptanz ausgehen, dann können wir den Begriff „perfekt Spanisch sprechen" auf dieser Basis verwenden.

 

Es hängt viel von der Person ab, um so sprechen zu können wie ein Muttersprachler. Bei manchen dauert das vielleicht sechs Monate. Das sind dann diejenigen, die ein sehr gutes Gefühl und Verständnis für Grammatik und ein enormes Nachahmungstalent haben. Diese Voraussetzungen sind natürlich beneidenswert. Das andere Extrem ist zum Beispiel eine Person, die seit 25 Jahren in einem spanischsprachigen Land lebt und sich immer noch nicht ganz fehlerfrei ausdrücken kann und/oder eine schlechte Aussprache hat. In diesem Fall gibt es einen gewissen Assimilationswiderstand.

 

Du siehst also, „perfekt Spanisch“ zu sprechen, hängt vor allem von den eigenen Fähigkeiten ab.

Bedenke auch, dass der Lernprozess niemals linear verläuft. Dazwischen gibt es immer wieder Hochs und Tiefs, Rückschläge, zu viel Input, der nicht verarbeitet werden kann und „Fehleransteckung“ (zum Beispiel, wenn man sich mit anderen Nichtmuttersprachlern unterhält).

Die Überwindung dieser Phasen hängt von den Fähigkeiten und der Ausdauer der jeweiligen Person ab und von der Zeit, die sie sich selbst für diese Veränderungen gibt.

Fensterrahmen mit Pinseln zum Malen

7. Was sind deine Tipps, um eine Fremdsprache schnell und fundiert zu lernen?

Eine neue Sprache zu lernen, bedeutet für mich, auch eine neue Sicht auf die Dinge zu bekommen, die Welt, die dich umgibt, etwas besser zu verstehen. Jede Sprache hat ihre Komplexität und ihren Reichtum, auch die „leichten Sprachen“.

 

Mein erster Tipp ist, den Lernprozess und –fortschritt nicht zu erzwingen, weil das meist in einer inneren Resistenz gegenüber der Sprache endet. Eine Fremdsprache ist eben nicht die Muttersprache. Das zu akzeptieren ist manchmal schwierig und führt zu Frustration. Der Subjunktiv ist ein klares Beispiel dafür. Viele Schüler lernen die Strukturen, die den Subjunktiv verlangen, einfach auswendig und finden dann plötzlich im weiteren Lernprozess heraus, dass diese Strukturen ins Unendliche führen und immer neue dazukommen.

Man sollte sich viel Zeit nehmen, um das zu lernen und dabei nicht verzweifeln. Es ist möglich, das alles zu lernen und anzuwenden. Man benötigt einfach viel Übung und Zeit.

 

Mein zweiter Tipp ist, immer die Ohren zu spitzen und alles aufzusaugen wie ein Schwamm. Will heißen, zuzuhören wie die Einheimischen sprechen und versuchen, das nachzumachen. So lernt man viele Ausdrücke, die Gold wert sind.

 

Drittens ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen dem Erlernen von Grammatik und Wortschatz zu finden.

Es bringt nichts, wenn man die komplette Grammatik und Theorie kennt, sie aber in der Praxis nicht anwenden kann – und umgekehrt. Oft verstehen die Schüler die Grammatik recht schnell und möchten sofort weitermachen mit dem nächsten Thema/dem nächsten Sprachlevel. So hat man in kurzer Zeit auf dem Papier ein fortgeschrittenes Level stehen. Was Wortschatz und Ausdruck betrifft, befindet man sich aber immer noch auf einem A1 Level. Es ist also wichtig, sich in Geduld und Ausdauer zu üben.

 

Viertens empfehle ich, das, was im Unterricht gelernt wird, eigenständig weiterzulernen mit Themen, die einen interessieren. Das können zum Beispiel Filme, Bücher, Zeitschriften, Zeitungsartikel, Kreuzworträtsel usw. sein. Alles natürlich auf Spanisch. Das hilft extrem beim Lernprozess und weckt die Neugier.

 

Zu guter Letzt greife ich auf ein altes Sprichwort zurück: Übung macht den Meister!

Passstraße in den Bergen in Bolivien

8. In Buenos Aires wird sehr viel geflucht. Was ist dein Lieblingsschimpfwort/Lieblingsfluch?

Hahaha, das ist wohl das, was dir am meisten gefällt… Zugegeben, mir auch.

 

Es stimmt schon, das Río de la Plata Spanisch bietet ein breites Spektrum, um starke Gefühle auszurücken. Das ist auf jeden Fall eine Bereicherung, weil man ein Gefühl genauso lebendig wiedergeben kann, wie es die Situation verlangt.

 

Das Problem ist, dass man das so nicht im Unterricht beibringen kann, dort muss man “korrektes” Spanisch lernen. Es gibt aber Wörterbücher, Erzählungen und andere Formen, um typische Schimpfwörter zu lernen. Eine gute Möglichkeit ist, ins Stadion zu gehen. In weniger als zehn Minuten lernst du schon die Schimpfwörter, die wir am meisten verwenden.

 

Die Schimpfwörter, die mir am meisten gefallen, sind die, die mich zum Lachen bringen oder durch die ich so richtig Dampf ablassen kann.

Wenn du fluchen willst wie ein Einheimischer, musst du die Kunst der Übertreibung beherrschen. Damit diese dann einen angemessenen Effekt bekommt, ist es wichtig, einen originellen Ausdruck zu verwenden oder einen altbekannten in einem neuen Kontext, sodass das Schimpfwort auch richtig ankommt.

Die Übertreibung ist überhaupt ein wichtiger Bestandteil der argentinischen Kultur. Dadurch wird entweder alles unglaubwürdig, ins Lächerliche gezogen, bestätigt oder einfach zu einer ehrwürdigen Schweinerei.

Es gibt keine Grauzonen. Und die Schimpfwörter bringen genau das zum Ausdruck.

Nebel, Atacamawüste in Chile im Morgenlicht

9. Du sprichst auch Deutsch. Was ist dein Lieblingswort auf Deutsch?

Mir gefallen viele Dinge an der deutschen Sprache, andere treiben mich an den Rand der Verzweiflung. Ein Beispiel für letzteres sind die trennbaren Verben. Sie helfen, sich präzise und fast technologisch genau auszudrücken, aber ihre Verwendung wird für mich wohl nie natürlich sein.

 

Es gibt viele Wörter, die mir gefallen, aber was mich am meisten fasziniert, ist die Logik, mit der einige Wörter aufgebaut sind wie zum Beispiel Krankenwagen oder Flugzeug.

Segelboot im Abendlicht auf Fluss in Argentinien

Liebe Mercedes, vielen Dank für die ausführliche Beantwortung der Fragen!

 

Ich hoffe, es ist nichts Wesentliches durch die Übersetzung verlorengegangen.

Und sei mir bitte nicht böse, dass ich ein paar Sätze gekürzt und Fachbegriffe und -konzepte vereinfacht habe, die mich zu sehr an die Linguistikvorlesungen an der Uni erinnert haben – meine Oma soll das Interview schließlich auch verstehen können :-)

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